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Pas de deux

Pas de deux

Titel: Pas de deux Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Philippe Djian
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brauchte, ich holte kalte Getränke aus dem Kühlschrank.
    »Ich hätte auf ein Mädchen wie sie nicht gepfiffen«, fügte er hinzu und schaute mich an. »Ich hätte auch nicht auf eine Familie gepfiffen, wenn sich die Gelegenheit geboten hätte.«
    »Frau und Kinder haben heißt unruhig, abhängig, verwundbar und paranoid werden.«
    »Allein sein heißt egoistisch, unsensibel, überflüssig und weltfremd werden.«
    »Sehr gut. Mehr will ich nicht!«
    »Aber dazu bist du nicht geschaffen, und das weißt du auch.«
    »Ich werd’s lernen. Sie brauchen mich nicht mehr, sie sind jetzt groß und geimpft, alle drei …«
    »Von den dreien rede ich nicht.«
    »Herrgott!! Habe ich denn eine Wahl?!«
     
    Am 21. Januar 1961 gab Cendrars den Löffel ab. Das versetzte uns einen Schlag. Am 1. Juli dann war Céline dran, und am 2. jagte sich Hemingway eine Kugel durch den Kopf. Ich hörte Alice laut aufschreien, und ich fand sie draußen im Garten, sie lag halb ohnmächtig im Gras. Sie reichte mir die Zeitung.
    Am Tag zuvor hatte sie das Mittagessen über ihre Knie geschüttet. Da hatte Céline in nächster Nähe eine seiner größten Bewunderinnen wohnen, doch sie wagte es nie, ihn anzusprechen. Wir im übrigen auch nicht. Als wir kleiner waren, hatten wir Schiß vor ihm. Wenn er abends in seinem Garten war, rannten wir schnell vorbei, denn er machte ein unfreundliches Gesicht und schien auf irgend etwas zu lauern. Ich verstand erst später, daß er nicht auf uns sauer war, sondern auf Vailland oder einen Typ seiner Bande wartete, um ihnen einen Tritt in den Arsch zu versetzen. Es kam uns vor, als könnte einen sein Blick im nächsten Augenblick vernichten. Als ich zum erstenmal eins seiner Bücher aufschlug, ging ich zu Alice, aber ich war so aufgeregt, daß ich ihr nicht zu erzählen vermochte, was ich empfand. Wir beschlossen, ihn eines schönen Tages besuchen zu gehen, und dann würde sie mit ihm sprechen. Natürlich taten wir es nie. Zum Abendessen des 1. Juli erschien Alice ganz in Schwarz.
    Bei Cendrars hatte sie sich geweigert, ihr Zimmer zu verlassen, und geschworen, sie bekomme keinen Bissen hinunter. Am 2. schloß sie mich in ihre Arme und weinte herzzerreißend an meiner Schulter, während ich sie aufhob. Ich war selbst ziemlich bewegt. Ich setzte sie im Schatten der Linde ab und fächerte ihr eine Weile mit der Zeitung Luft zu, nachdem ich darauf verzichtet hatte, ihr Oberteil aufzuhaken.
    Ich konnte nicht bei ihr bleiben, da ich wegen meiner Klavierstunde schleunigst nach Paris fahren mußte, Nadia hatte es nicht gern, wenn man zu spät kam.
    »Geht’s? Fühlst du dich besser …?« fragte ich sie.
    »Könntest du mir Kerzen und ein bißchen schwarzen Krepp mitbringen?«
    Als ich auf dem Rückweg an der Place Clichy in die Metro stieg, begegnete ich einem Tänzer aus der Oper. Er hatte uns eine Woche zuvor in unserem Haus besucht, und am nächsten Morgen hatten wir ihn schlafend im Garten gefunden, und er war jemand, der alles, aber keine Skrupel kannte. Er wollte wissen, wann wir das wiederholen würden. Aber ich wußte, was ihn interessierte.
    »Schlag dir das aus dem Kopf, du kriegst sie nicht«, sagte ich zu ihm. »Sie ist mit David Garowski zusammen.«
    »Nein … Spinnst du?!«
    »Tja, du kannst es ruhig versuchen. Soll ich ihr etwas sagen?«
    Nein, das wollte er nicht. Er stieg an der nächsten Station aus, und meine Verachtung begleitete ihn.
    Als ich zurückkam, hatte Alice ein paar Leute zusammenbekommen und hielt einen Vortrag über den großen Mann, der in Ketchum, Idaho, dahingegangen war. Chantal machte sich Notizen. Olga nutzte die Gelegenheit, sich die Nägel zu lackieren. Jérémie drehte vorsichtig, als könnte ihm das Ding ins Gesicht springen, Fiesta zwischen den Fingern. Und Karen, die mittlerweile im achten Monat war, schaute Alice an und döste vor sich hin.
    Ich legte letzterer den Krepp und die Kerzen zu Füßen und malte mir aus, wie sie ihr Appartement damit dekorieren würde, und ich wollte mich gerade verdrücken, als sie mich am Handgelenk faßte:
    »Henri-John, von welchem Autor stammt das Motto zu Wem die Stunde schlägt?«
    »John Donne.«
    Ich spürte den leichten Druck ihrer Hand.
    »Könntest du uns eine Passage zitieren?«
    »Any means death diminishes me, because I am involved in mankind. And therefore never send to know for whom the bell tolls. It tolls for thee.«
    Sie waren platt. Alice war ganz rosig vor Rührung. All das war nicht mein Verdienst, denn sie hatte uns das

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