Pfad der Schatten reiter4
nützen würde und wer die besten Überlebenschancen besaß. Sie seufzte und ging um ihren Schreibtisch herum, um ihre Arbeit fortzusetzen, aber sie stellte fest, dass sie sich nicht konzentrieren konnte.
Stattdessen beschloss sie, Zacharias aufzusuchen. Sie mussten nochmals über Karigan sprechen, da diese nun ihren Auftrag angenommen hatte. Laren verließ ihr Quartier, um Zacharias’ Sekretär Cummings zu suchen, der ihr sagen konnte, wann der König abkömmlich war. Sie war sicher, dass dies eine weitere schwierige Konfrontation bedeutete. Seit ihrem letzten Gespräch über Karigan hatte sich Zacharias ihr gegenüber entschieden kühler verhalten, und sie ahnte, dass dies ihre Beziehung nicht gerade verbessern würde.
Laut Cummings sah Zacharias’ Tagesplan für den Rest des Nachmittags nichts Besonderes vor. Das bedeutete, dass er fast überall sein und sich mit allem Möglichen beschäftigen konnte. Laren brauchte lange, um ihn aufzuspüren, und als sie ihn endlich fand, war er an einem Ort, an dem sie seit dem vergangenen Sommer nicht gewesen war. Als sie durch die schwere Tür auf das Dach der Burg hinaustrat, musste sie in der gleißenden Sonne die Augen zusammenkneifen, und sie zitterte. Im Sommer war das Dach ein angenehmer Aufenthaltsort. Aber jetzt? Sie beneidete die Soldaten nicht, die hier auch im Winter jeden Tag Wache halten mussten. Natürlich waren sie entsprechend gekleidet, aber sie trug lediglich ihren kurzen Mantel zum Schutz gegen die Kälte.
Ein Soldat grüßte sie und wies ihr den Weg zum König. Sie überquerte das Dach mit seinen vielen Wachtürmen, auf dem zu dieser Jahreszeit außerdem einige Wärmehütten errichtet worden waren. Soldaten marschierten entlang der Zinnen auf und ab, spähten über die Landschaft Sacoridiens und hielten Ausschau nach irgendetwas, das den König und sein Reich bedrohen könnte.
Auf einer Fußgängerbrücke überquerte sie eine breite Rinne, in der das Schmelzwasser des Schnees unter einer Eiskruste rauschte. Sie entdeckte Zacharias, der an einer Zinne lehnte und südwärts auf die Stadt hinunterblickte. Donal hielt einige Schritte von ihm entfernt Wache. Aus dieser Höhe erschienen Laren die Gebäude, Menschen und Tiere der Stadt wie das Spielzeug eines Prinzen.
Sie gesellte sich zu ihm und hielt sich im Windschatten einer Zinne, um sich vor dem Wind zu schützen und die Wärme der Sonne zu spüren. Zacharias trug einen pelzgefütterten Umhang, und die Kälte schien ihm nicht das Geringste auszumachen.
»Was seht Ihr?«, fragte sie ihn.
Falls ihre Ankunft ihn überraschte, zeigte er es nicht. »Ich
sehe zu meinen Füßen eine geschäftige, blühende Stadt. Vorhin flog ein Gänseschwarm über meinen Kopf nach Norden, und eine Schneeeule hockte in den Bäumen.« Er hielt inne, und seine Augen schienen in weite Ferne zu blicken, als er hinzufügte: »Und vor nicht allzu langer Zeit sah ich eine Grüne Reiterin aus der Burganlage reiten. Es war Karigan.« Als wollte er beweisen, dass er sich nicht geirrt hatte, zeigte er ihr sein Fernglas.
Nach der Ungeheuerlichkeit dessen, was Laren Karigan gerade mitgeteilt hatte, war sie nicht überrascht, dass die jung Frau ausgeritten war. Die meisten Reiter fanden bei ihren Pferden Trost. Laren selbst hatte ihren Sperling auch oft aufgesucht, wenn sie dringend Trost brauchte.
Zacharias hatte Laren soeben die Gelegenheit gegeben, das leidige Thema anzuschneiden. »Da wir gerade von Karigan sprechen«, sagte sie. »Ich dachte, Ihr sollt wissen, dass sie den Auftrag angenommen hat, in den Schwarzschleierwald zu gehen.«
Laren dachte, es wäre der Wahrheit vielleicht näher gekommen, wenn sie gesagt hätte, dass sie Karigan dahingehend manipuliert hatte, die Mission zu akzeptieren, aber ein anderer Teil von ihr glaubte aufrichtig daran, dass sich Karigan freiwillig gemeldet hätte, wenn sie die Wahl gehabt hätte. So etwas lag in ihrer Natur, sie wollte immer die Verantwortung für die großen Probleme übernehmen. Andererseits versuchte Laren vielleicht lediglich, ihre Handlungen sich selbst gegenüber zu rechtfertigen.
Zacharias explodierte nicht und verurteilte sie auch nicht. Er blickte einfach weiter über die Stadt. Schon als Knabe war er ernst gewesen und hatte gelernt, seine Gemütsbewegungen zu zügeln. Er wurde von allen Seiten und Fraktionen ständig beobachtet, und wenn er seine wahren Gefühle geäußert hätte, wäre seine Autorität untergraben worden und er hätte seinen
politischen Feinden
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