Pfad der Schatten reiter4
sie würde ihn mit in den Schwarzschleierwald nehmen. Er würde ihr helfen, die Dunkelheit zurückzudrängen. Als sie in das Licht starrte, flackerte es wie eine Flamme. Du musst kommen, meinte sie ein entferntes Flüstern zu hören, und sie schauderte erneut. Dann entschied sie, dass es nur der Wind gewesen war, der über die Borstigen Grabhügel blies und sie dazu brachte, alles Mögliche zu hören.
Sie riss ihren Blick von dem Mondstein los, betrachtete die Landschaft ringsum und dachte, dass ihre Mission sich richtig anfühlte, aber das bedeutete weder, dass sie gehen wollte , noch dass sie keine Angst davor hatte. Zumindest hatte sie den Mondstein ihrer Mutter, und außerdem war sie nicht als Einzige dazu verdammt, in den Schwarzschleierwald zu gehen. Darin lag allerdings ein weiteres Problem: die Eleter.
Jametari, der Fürst der Eleter, hatte einmal erklärt, dass die
pervertierte, wilde Magie, die sich in ihre Adern eingegraben hatte, eine Dualität in ihrem Inneren erschaffen hatte, eine Kapazität, sowohl etwas sehr Gutes als auch etwas sehr Böses zu bewirken. Der Fürst hatte sie gewarnt, dass aufgrund dieses Konflikts einige Eleter ihr Übles wünschten, weil sie sie für eine mögliche Bedrohung des D’Yer-Walles hielten. Manche wollten diese Bedrohung ausschalten. Einer hatte es versucht.
Die wilde Magie war aus ihr verschwunden, aber sie befürchtete, dass manche Eleter immer noch ihren Tod wünschten. Im Herbst, als sie und Fergal als Boten nach Westen geritten waren, hatte sich ein körperloser Pfeil in ihre Brust gegraben, den sie wie eine Botschaft empfangen hatte, nachdem Eleter in der Nacht an ihrem Lagerfeuer vorbeigezogen waren.
Wie würden die Eleter, die sie als Bedrohung empfanden, darauf reagieren, dass sie an dieser Expedition teilnahm?
Sie vermutete, dass dies nur eine weitere von vielen Gefahren war, die ihr bevorstanden.
Kondor wurde unruhig, und sie stupste ihn zu einem langsamen Schritt an. Als sie den Fuß des Hügels erreichten, schnalzte sie mit der Zunge, und er fiel in Trab. Sie ritt zwischen den Borstigen Grabhügeln umher, hielt sich aber an keinen bestimmten Kurs, sondern ließ sich lediglich von der Freude lenken, auf ihrem Pferd zu sitzen.
EINDRINGLINGE
Das Blut zischte, als es auf eine alte Schneefläche floss. Der Kreis der Laternen enthüllte den von Pfeilen gespickten Kadaver des Wesens, übersät von Schwerthieben, aus denen es scharlachrot tropfte. Es war eine Ratte von der Größe eines Ponys, und ihre Augen glänzten im Licht der Laternen wie Kupfer. Aus ihren Kiefern ragten Reihen von Schneidezähnen, die einem Mann fast das Bein abgerissen hatten, aber es waren die Klauen, die das Leben eines anderen gefordert hatten. Es waren auch die Klauen gewesen, die es der Ratte ermöglicht hatten, über die Reparaturstelle in der Bresche zu klettern.
»Verflucht«, flüsterte Alton D’Yer.
Es war keineswegs so, dass sie nicht wachsam gewesen waren. Die Bresche wurde sorgsam bewacht, und das war auch gut so. Alton wollte sich nicht vorstellen, welchen Schaden das Wesen hätte anrichten können, wenn sie nicht so wachsam gewesen wären.
Und doch waren sie nicht vorsichtig genug gewesen. Vielleicht hatten sie sich ein bisschen entspannt, ein bisschen zu sehr, da es im Schwarzschleierwald relativ ruhig war und die Reparatur der Bresche Fortschritte machte.
Tssss zischte es, als noch mehr Blut in den Schnee tropfte.
»Wir werden die Wache verstärken«, informierte Alton Hauptmann Wallace, der das Lager an der Bresche befehligte. »Ich werde von meinem Vater Verstärkung anfordern. Inzwischen
gebe ich Ihnen so viele Männer vom Turmlager, wie Sie brauchen.«
»Sehr wohl, Herr«, sagte Hauptmann Wallace. »Ich danke Euch.«
Als Sohn und Erbe des Lordstatthalters der Provinz D’Yer war Alton am Wall der Ranghöchste, und die Offiziere erwarteten von ihm, die wichtigsten Entscheidungen zu treffen. Alton war aber außerdem ein Grüner Reiter, dessen Aufgabe es war, die Geheimnisse des Walls zu ergründen und die Bresche zu reparieren. Wäre er nicht der Sohn des Lordstatthalters gewesen, wäre er einfach ein weiteres Rädchen im Getriebe des Lagers, das sowohl aus sacoridischen Soldaten als auch aus Mitgliedern der Provinzmiliz von D’Yer bestand.
Normalerweise konnte Alton die Verwaltungsarbeiten dem Militär überlassen und sich auf seine eigene Tätigkeit konzentrieren. Gelegentlich erwies sich sein Rang als nützlich, weil er dadurch meistens alles bekam, was
Weitere Kostenlose Bücher