Purpurfalter
Marmorboden. Obwohl sie sich mit den Händen abfing, schlug ihr Kinn auf. Ihre Knie schmerzten. Sie drehte sich erschrocken um. Lachend krabbelte der absonderliche Mann auf allen vieren davon. Er tauchte im Dunkel einer Ecke unter. Sofort stürmten die Hünen herbei und rissen ihr Opfer hoch. Als sie Loreena jedoch wieder freigaben, wunderte sie sich und wurde misstrauisch. Fackeln tauchten in ihren Händen auf. Die Hünen spien dagegen. Eine Flüssigkeit ergoss sich in die Flammen und tünchte sie bläulich. Das Feuer griff nach Loreena. Schützend hielt sie die Hände vor das Gesicht und duckte sich. Eine Flamme entzündete ihre Haare. Loreena geriet in Panik. Sie ergriff einen Holzkrug, der auf einem Schemel abseits stand und goss die darin befindliche Flüssigkeit auf ihre brennenden Haarspitzen. Blut! Blut färbte ihre sandfarbenen Haare in ein „Höllenrot“. Der behaarte Mann tauchte aus der Dunkelheit der Ecke auf. Bevor Loreena den Krug nach ihm schleudern konnte, rissen Pranken sie zurück. Mit der Schulter schlug sie eine Tropfkerze um. Heiß ergoss sich das Kerzenwachs über ihrem Handrücken. Doch nicht die Hitze schmerzte. Loreena hatte das Gefühl, ihre Haut würde brennen. Bevor sie dem merkwürdigen Schmerz mehr Beachtung schenken konnte, schleiften die Hünen sie zurück auf die Tanzfläche. Amorgenes heroisches Grinsen hieß sie dort willkommen. Obwohl sie unweit von Graf Schomul standen, klebte sein Blick verträumt an dem Korsett der Vampirin. Das Horrorszenario nahm er nicht wahr. Loreena fühlte unbändige Wut, aber auch Ohnmacht. Nichts, rein gar nichts vermochte sie gegen die Übermacht des Wandervolkes zu tun. Wandervolk? Das klang wie ein Hohn. Wer waren diese Kreaturen wirklich?
„Kommen wir zum Höhepunkt.“ Mit ausgebreiteten Armen präsentierte Amorgene den grölenden Gästen einen Sarg aus dunkelrotem Teakholz, der erhöht auf einem Metallgestell vor der Tafel von Lomas, Wor und Schomul aufgebahrt war. „Loreena, Tochter von König Wor, in einer Totenkiste. Erzählen nicht die Menschen in ihren Sagen, wir Vampire würden in Särgen schlafen? Fünf Säbel werde ich durch die Schlitze stoßen. Wird Loreena lebendig heraussteigen oder werden die Klingen sie...?“ Ein laszives Lachen beendete den Satz.
Loreena zerrte an der Umklammerung der Hünen, versuchte mit dem Holzkrug, den sie immer noch in der Hand hielt, nach ihnen zu schlagen. „Das kannst du nicht tun, Amorgene, nicht vor den Augen aller Gäste.“ Ihr Handrücken schmerzte höllisch. Sie betrachtete ihn. Erschrocken sah sie Brandblasen. Die Haut war feuerrot und geschwollen. Das konnte unmöglich gewöhnliches Wachs sein.
Die Männer zogen sie zum Sarg. Amorgene öffnete den Deckel.
Und Loreena schrie aus Leibeskräften: „Es sind die Kerzen. Lomas! Wor! Die Kerzen versetzen Euch in Trance. Seht Ihr denn nicht, was diese Hexe plant? Helft mir endlich. Graf Schomul, wacht auf! Ihr müsst Luft in den Raum lassen. Öffnet die Fenster.“
Sie meinte ein Flackern in Schomuls Blick zu erkennen. Doch noch immer saß er dort wie eine Wachsfigur. Halt! Erhellte sich seine Mimik nicht?
Beharrlich zerrten die Hünen Loreena in den Sarg. Der eine umfasste ihre Unterschenkel und hob sie hoch, während der andere ihren Oberkörper in die Kiste beförderte.
Warum half ihr niemand? Vielleicht war dieses Komplott Schomuls Idee. Hilflosigkeit und Zorn wechselten sich ab. Sie stemmte sich mit einer Hand am Sargrand ab. Mit der anderen schlug sie den Krug auf das Haupt des Hünen, der ihre Beine trug. Aussichtslos. Das Spiel war vorbei. Sie hatte verloren. Wütend schmiss sie den Krug in Schomuls Richtung. Doch er traf den Grafen nicht, sondern das Fenster hinter ihm. Klirrend zerbrach es. Scherben prasselten auf Schomul und Wor.
Die Hünen schlugen auf Loreenas Wunden. Loreenas Gegenwehr erstarb. Kraftlos glitt sie in den Sarg. Sie hörte ein letztes Mal Amorgenes gehässiges Lachen, bevor sich der Sargdeckel schloss. Hilflos lag sie in der Teakholzkiste. Mühsam drehte sie sich auf den Rücken. Sie winkelte die Arme an und hieb immer wieder gegen den Sargdeckel. Verzweifelt stemmte sie die Knie dagegen. Er rühte sich nicht. Loreena konnte nichts mehr tun. Sie war verloren.
Da stieß auch schon der erste Säbel in den Innenraum. Gerade noch konnte sie ihre Beine einen Fingerbreit spreizen. Schon fuhr die Klinge durch einen Spalt im Deckel zwischen ihre Knie. Ihr Herz raste. Tränen stiegen ihr in die Augen. Das konnte alles
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