Riley Jenson 02 - Wächterin des Mondes
dafür war ich ihm dankbar. In meinem Kopf herrschte ein großes Durcheinander, denn ich dachte über fünfzig Sachen gleichzeitig nach und konnte mir nicht vorstellen, eine Unterhaltung zu führen.
Als wir die Innenstadt von Mt. Macedon erreichten, platschte der Regen gegen die Windschutzscheibe. Quinn blickte mich an und hob fragend eine Braue. »Fahr weiter«, sagte ich. »Es ist mir egal, ob es regnet. Im Übrigen bin ich ein Wolf. Die Kälte macht uns nichts aus.« »Werwölfen vielleicht nicht, aber dir.« Er hatte ein gutes Gedächtnis. Ich hatte es nur einmal nebenbei erwähnt. »Vielleicht. Aber jetzt ist es mir wichtiger zu laufen als dass mir warm ist.«
Er nickte und fuhr weiter den Berg hinauf. Wir fuhren in den Wald und hielten in einer der Parkbuchten dicht an den Bäumen. Es standen vielleicht noch ein Duzend weiterer Wagen hier, die meisten vor dem Alten Teehaus, einem Restaurant. Ich stieg aus. Der Wind zupfte an meinem Kleid und meinen Haaren, strich über meine Haut und erinnerte mich daran, dass der Winter gerade erst hinter uns lag. Ich zitterte und blickte über das Autodach zu Quinn. »Es kann eine Weile dauern.«
»Sei vorsichtig«, erwiderte er nur.
Ich nickte, zog mein Kleid aus und legte es in das Auto. Dann rief ich den Wolf in mir. In Wolfsgestalt lief ich auf die Bäume zu und weiter durch das Farn. Ich dachte nicht nach, sondern ließ einfach die Nacht, die Kälte und den Sturm über meinen Körper hinwegstreichen. Am Himmel zuckten Blitze auf, und langsam bekam ich einen klaren Kopf.
Ich lief Stunden umher, bis meine Glieder vor Müdigkeit zitterten und meine Zunge so weit aus dem Maul hing, dass sie beinah über den Boden schleifte. Ich lief, bis der Sturm vorübergezogen war und sich der Geruch von nasser Erde mit dem von Eukalyptus mischte. Selbst dann lief ich nicht gleich zurück zum Wagen, sondern nahm menschliche Gestalt an und ging zu dem riesigen Gedenkkreuz, das in der Mitte des Parks stand. Mit dem Rücken an das Kreuz gelehnt, setzte ich mich auf die Stufen, drückte meine Knie an die Brust und versuchte, mich zu wärmen, während ich auf das Lichtermeer blickte, das sich in der Ferne erstreckte.
Schon nach ein paar Minuten mischte sich der warme Duft von Sandelholz in die frischen Gerüche der Nacht. Quinn reichte mir wortlos mein Kleid. Nachdem ich es angezogen hatte, legte er mir eine Lederjacke um die Schultern und setzte sich neben mich auf die Stufe. Auch wenn wir uns nicht berührten, spürte ich seine Wärme.
»Ich habe in dem Restaurant einen Tisch reserviert, falls du etwas essen möchtest«, sagte er nach einem Moment. »Vielleicht.« Ich schlüpfte in die Ärmel der Jacke und zog den Reißverschluss zu. Sie roch nach Leder und Mann und erregte mich auf hundert verschiedene Arten. Das war beängstigend, denn ich konnte es mir wirklich nicht leisten, mich noch stärker in diesen Vampir zu verlieben.
»Und, hast du dich denn wirklich in mich verliebt, Riley Jenson?« Ich sah ihn scharf an. »Vor zwei Tagen hast du mir erklärt, du könntest meine Gedanken nur lesen, wenn ich Schmerzen hätte oder in Momenten großer Leidenschaft. Wie kannst du sie also jetzt lesen?« Er sah mich gleichgültig und unnachgiebig an. »Denk daran, dass du von meinem Blut getrunken hast. Ich habe dich gewarnt, dass ich dadurch besseren Zugang zu deinen Gedanken habe, wenn du sie nicht schützt.«
Ich wandte den Blick ab. »Ich werde künftig besser auf meine Gedanken aufpassen.« »Wenn du nicht willst, dass ich sie lese, solltest du das tun, ja.« »Du könntest dich wie ein Kavalier benehmen und nicht in meinen Kopf eindringen.« »Das könnte ich. Aber da unsere Unterhaltungen bislang aus den verschiedensten Gründen immer wieder unterbrochen wurden, ist dies meine einzige Chance, an Informationen zu kommen.«
Offenbar hatte er nicht viele meiner Gedanken gelesen, sonst würde er kaum so ruhig hier neben mir sitzen. Ich kaute auf meiner Lippe, beobachtete die funkelnden Lichter und versuchte an nichts zu denken. Doch ich musste eine Entscheidung treffen. Hier. Heute Abend. Sonst würde Jack das für mich tun, wenn ich ihm erneut begegnete. Und wenn er mich wirklich als Wächterin haben wollte, würde er wohl kaum einer Schwangerschaft zustimmen.
»Erzähl mir, was dich so quält«, bat Quinn mich leise. Ich erwog kurz, es ihm nicht zu erzählen, doch schließlich hatte er ein Recht, es zu erfahren. Es betraf in gewisser Weise auch ihn – und uns.
»Es wird dir nicht
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