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Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)

Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)

Titel: Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Lars Gustafsson
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einander ein bißchen verlegen an, wenn man, auf einer Haustreppe sitzend, über diese Nacht und ihren Ausgang redet und den Sommerabend genießt.
     
    In diesem Augenblick entdeckte mich der Autohändlerdämon. Genaugenommen war ich es ja, nach dem er den ganzen Abend gesucht hatte. Er sonderte mich genauso sicher aus der versteinerten Schar dort unten am Weg zum Klohäuschen aus, wie ein Sperber sich eine bestimmte Beute aus einem Spatzenschwarm heraussucht. Er steuerte mit denselben gräßlichen, unwirklichen Schritten geradewegs auf mich zu, und niemand zweifelte auch nur einen Moment daran, daß er mich meinte .
    Vier Schritte vor mir blieb er stehen. Es war, als ob irgend etwas in dieser leeren, haarsträubend spukhaften Gestalt es genösse, einfach nur bedeutungsvoll dazustehen .
    Das reichte völlig, um mich einen Tennisball von Angst mitten im Zwerchfell spüren zu lassen.
    Plötzlich redete er, mit ganz deutlicher, fast leiser Stimme, redete durch den Rausch hindurch , mit der kalten Präzision, der entsetzlichen Deutlichkeit, die nur dem absoluten Haß, der absoluten Nichtigkeit eigen ist:
    – Jetzt aber. Jetzt ist es soweit, siehste wohl. Jetzt hab ich dich. Jetzt geht’s los, siehste wohl.
    Ich glaube, ich hätte mir in diesem Augenblick vor Schreck ganz einfach in die Hosen gemacht, wenn ich nicht auf eine Idee gekommen wäre. Es war eine ganz kleine, ganz dünne Idee, eine Idee, scharf wie die Spitze einer Nähnadel, aber sie wuchs in mir mit der Geschwindigkeit einer expandierenden Supernova, der Geschwindigkeit einer Galaxis, die sich von allen anderen Galaxien entfernt, der Geschwindigkeit eines Gasplasmas in der Corona einer explodierenden Sonne.
    Das – so die Idee – das ist es ja, was mich die ganze Zeit verfolgt hat. DAS IST DER, VOR DEM ICH ANGST GEHABT HABE.
    Sogar der Kuckuck war verstummt. Niemand wagte zu atmen. Maggan hatte mit ihrem entsetzlichen Gewimmer aufgehört. Sie lag auf der Erde und weinte ganz leise.
    Der Schrecken sank wie das Niedrigwasser des Åmänningen im Juni, ja, er sank wirklich wie ein Wasserspiegel sinkt, bis die Steine, die großen schwarzen Steine unter dem Wasser sichtbar werden.
    Ich bückte mich langsam, systematisch, und fand einen kurzen, aber ganz hervorragenden Pfahl. Er war etwas morsch, also würde er es vermutlich überleben. Er hatte ein dickeres und ein dünneres Ende und lag sehr gut in der Hand. Ich bemerkte, daß das Holzstück diese schöne Silberfarbe hatte, die Holz in dieser Gegend oft bekommt, wenn es auf dem Boden liegt, jahrelang dem Regen ausgesetzt.
    Ich atmete tief ein, die kühle Morgenluft hatte eine Frische, eine Rauheit, die die Lungen bis zum Bersten füllte. Eine neue Luft.
    – Das ist gut, sagte ich. ICH HABE LANGE AUF DICH GEWARTET . Ich komme.
    Ein ganz leichter Wind, aber doch ein Wind, ein Wind wie mit der Verheißung des Sommers, ein Wind, der irgendwo niemals aufhört zu wehen, regte sich in den Wipfeln der alten Ulmen vor mir, in den Wipfeln der Ahornbäume hinter mir, in den Wipfeln der Birken über mir.
    Es war fast heller Tag.
     
    Berlin-Charlottenburg – Västerås –
    Austin, Texas 1973–74

Sigismund
     
    Aus den Erinnerungen eines
    polnischen Barockfürsten

 
     
     
»Ist es denn so vortrefflich?« fragte Don Quijote.
»Es ist so vortrefflich«, antwortete Ginés, »daß Lazarillo
de Tormes bei einem Vergleich schlecht wegkommen
würde, und ebenso alle übrigen Bücher dieser Art, die je geschrieben wurden oder noch geschrieben werden.
Ich kann Euch nur sagen, mein Herr, daß es wirkliche
Verhältnisse darstellt, und zwar so unterhaltsam und
lustig, daß es keine Lügengeschichten gibt, die sich damit
messen könnten.«
»Und wie heißt dieses Buch?« fragte Don Quijote.
»Ginés de Pasamontes Lebensbescbreibung« , antwortete
derselbe.
»Ist es denn abgeschlossen?« fragte Don Quijote.
»Wie könnte es abgeschlossen sein«, erwiderte er, »wo
doch mein Leben noch nicht beendet ist? (– – –)«
    Miguel de Cervantes:
    »Don Quijote de La Mancha«

 
     
     
    Meiner Freundin Zwatt

 
     
     
    I
    Memoiren aus dem Fegefeuer

Die Birkhühner,
gegen die Wand gepreßt
     
    Während meiner Zeit in Uppsala gab es dort einen netten, sympathischen Professor, der aus einer russischen Emigrantenfamilie stammte. Er lebte ein ganz normales und allgemein geachtetes Professorenleben, mit einer Villa am Thunbyvägen, mit Habilitanden, Doktoranden, Veröffentlichungen, Sonderdrucken und Gastvorlesungen, und machte oft

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