Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)
merkten, daß die Temperatur in einer Frühlingsnacht zu schnell fiel oder daß eine Herbstwoche plötzlich so unwahrscheinlich warm wurde, viel wärmer, als zu erwarten war.
Bauvorschriften – sie sind ja damals nach dem Krieg viel strenger geworden, als Jahr für Jahr massenhaft neue Verordnungen auf einer Menge von neuen Gebieten herauskamen – besagen, daß man für alles eine Genehmigung braucht, was höher als einssiebzig ist, also höher als ein Meter und siebzig Zentimeter, und meinem Onkel, der ein sehr gesetzestreuer Mann ist, besonders weil er in der Gewerkschaft der Baubehörde von Surahammar ein paar alte Feinde hat, ist es in all den Jahren gelungen, den gesamten Gebäudekomplex – seit 1959 gibt es einen dritten Flügel, so daß das Gewächshaus jetzt U-förmig ist – unter einssiebzig zu halten.
Infolgedessen sieht es recht lustig aus, und man bekommt ziemliche Rückenschmerzen, wenn man sich länger dort drinnen im Grünen aufhält. Er ist zwar schlau genug gewesen, sich ein Stück unter die Erdoberfläche einzugraben, aber die Querbalken der Dachstühle sind trotzdem ziemlich niedrig geraten. Obwohl man hier und da aufrecht gehen kann, muß man sich doch alle drei Meter bücken, man muß lange Gurkenranken zur Seite schieben, und Gurkenranken haben eine unglaubliche Fähigkeit, an allem hängenzubleiben, was man anhat. Dazu sind sie da. Das wollen sie: hängenbleiben.
Daß das Gewächshaus so niedrig ist, bedeutet natürlich, daß man es in der Dunkelheit nicht so leicht entdecken kann. Ich sage das nicht als Entschuldigung – denn welches Rindvieh könnte schon einen Grund haben, hinter dem Klohäuschen herumzutrampeln –, sondern als eine Art naturwissenschaftliche Erklärung.
In dem Moment, als wir das Klirren, Brüllen und das wirklich tierische Wutgeheul von dort unten hörten, wußten wir alle drei, das Mädchen, der Volksschullehrer und ich, daß die Katastrophe da war. Irgendein verdammter Tolpatsch war ins Gewächshaus getrampelt oder gefallen.
– Schnell, sagte ich und rannte los.
Wie ich schon erzählt habe, kehrte das Licht zurück, nicht nur ein Vogel, sondern viele waren zu hören, und der rote Schimmer am Horizont wurde immer breiter. Man mußte also wahnsinnig ungeschickt oder einfach wahnsinnig betrunken sein, um das Gewächshaus nicht zu erkennen. Die Umrisse des Gebäudes begannen jetzt immer deutlicher aus der Sommernacht hervorzutreten.
Aus dem Haus kamen massenhaft Leute gerannt. Das warme Licht der Fenster bildete einen sonderbar starken Kontrast zum kühlen weißen Licht der Dämmerung. Ich erkannte August und Maggan, und mitten in all dem Gerenne nahm mich jemand bei der Hand. Es war Siskan.
– Grüß dich, sagte sie. Sie lächelte mir glückich zu, Tränen in den Augen. Sie kann manchmal etwas blöd sein, aber man kann nie aufhören, sie liebzuhaben.
August mußte alle anderen überholt haben, denn ich hörte ihn ein solches Wut- und Trauergeheul in der Gegend des Klohäuschens ausstoßen, daß mir richtig unheimlich zumute wurde.
Als wir endlich am Ziel waren, jetzt also zu viert, denn Siskan war auch dabei, fiel es uns etwas schwer zu erkennen, was eigentlich los war.
– Hierher, schrie August und winkte mich zur anderen Seite herüber. Komm her! Hier ist es!
Ein riesiges Loch mit zerschlagenen Scheiben, und damit nicht genug, auch mit zersplitterten Fensterrahmen, zeigte, daß irgendein großes, tolpatschiges Geschöpf in das Haus hinein- und hinuntergestolpert war, da der Boden einen halben Meter in die umgebende Erdoberfläche eingegraben war.
Wer oder was nun auch um Himmels willen da drinnen sein mochte, jedenfalls bewegte sich das Untier offenbar in blinder Panik in der grünen Dunkelheit hin und her, ohne hinausfinden zu können. Man hörte das leise Knirschen von Blumentöpfen, die aus den Regalen fielen, das Knirschen von Glas und Ziegelstein unter schweren Füßen, das leisere Knistern von Gurkenranken, die zerrissen wurden, von zehnjährigen Weinstöcken, die abgeknickt wurden.
– So tut doch was, um Gottes willen, schrie Maggan. Sie war zum erstenmal in ihrem Leben, glaube ich, hysterisch.
– Ich könnte schwören, daß es der Autohändler ist, sagte ich. Ich habe es im Gefühl.
– Ist er nicht längst nach Hause gefahren, sagte der Volksschullehrer.
– Ich spüre es. Ich weiß es.
Wer es nun auch immer war, er versuchte offenbar blindlings, dort herauszukommen, und je mehr er sich bemühte, je verzweifelter er wurde bei seinen
Weitere Kostenlose Bücher