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Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)

Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)

Titel: Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Lars Gustafsson
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denn vor drei Wochen hatte sie zuletzt Geld von ihrem Bruder geliehen.
    Mit der selbstverständlichen Überzeugung, daß die Welt eigentlich die Aufgabe habe, ihnen zu dienen, zu ihrer Verfügung zu stehen, die bei genialen Menschen so häufig ist, ließ die Malerin G. den Schein in ihre Hand gleiten und hoffte, daß der Schaffner freundlicherweise bereit sein würde, ihn ihr zu wechseln.
    Von den drei Ausländern waren jetzt fast nur noch die Füße und ihre eleganten harten Aktenkoffer zu sehen, da das Dach des Windschutzes den herabflutenden Mondschein in ihrer Ecke zum größten Teil überschattete, aber das Gesicht des Herrn, der ganz links auf der Bank saß, war gerade noch zu erkennen.
    Es war ein bemerkenswert schöner, bleicher junger Mann von vielleicht fünfundzwanzig Jahren. Er hatte eine hohe schmale Stirn mit etwas vorspringenden Schläfen, ungefähr wie ein spanischer Adliger, einen kurzen schwarzen Bart und eine Goldrandbrille, die ihm einen gelehrten und zugleich entschlossenen Gesichtsausdruck verlieh. Hätte er nicht auf diese unbestimmte Art ausländisch gewirkt, so hätte er ein netter junger Dozent von der Freien Universität Berlin sein können. Ein Atomforscher, ein Gastdozent an der TU, dachte die Malerin G. Ein brillanter junger Atomforscher, der bei Experimenten mit dem neuen Zyklotron der Technischen Universität in Wannsee mitarbeitet. Bestimmt hat er eine spanische Mutter, die einmal so eine richtig strahlende spanische Schönheit gewesen ist.
    Die Gesichter der anderen waren im Schatten nicht zu erkennen.
    So beschäftigt war die Malerin G. damit, den Philosophiedozenten anzuschauen – er könnte Minetti, Canetti oder Seglio heißen, dachte sie –, so beschäftigt damit, den schönen jungen Spanier heimlich zu betrachten, daß sie gar nicht bemerkt hätte, daß der 94er schon angekommen war und an der Haltestelle stand, wenn die drei Herren sich nicht rasch erhoben hätten.
    Sie ließen ihr mit einer Höflichkeit, die entschieden eher ausländisch als berlinerisch war, den Vortritt. Der zweite der Herren sah aus wie ein kleiner stämmiger Engländer, etwa in der Art von Kirk Douglas, mit rotem Haar, einem kräftigen, vorspringenden Kinn, ganz hellblauen Augen und einem kurzen roten Spitzbart. Er hätte ein Offizier der britischen Besatzungstruppen sein können – in der Heerstraße draußen hat die R.A.F. ja sehr viele ihrer Offiziere wohnen –, wenn er sich nicht auf eine so ausgesprochen zivile und entspannte Weise bewegt hätte.
    Der dritte Herr, der die beiden anderen um einen Kopf überragte, wirkte ein wenig – aber nur ein ganz klein wenig – älter. Er sah aus wie ein polnischer Landadliger, mit einem kurzen grauen, viereckig geschnittenen Bart, kurz geschorenen Haaren und braunen, freundlichen Augen. Seine Augenlider hingen schwer herab, und er hatte einen Anflug von feiner, sanfter Spleenigkeit, der die Malerin G. an einen alten Millionär denken ließ, Aufsichtsratsvorsitzender eines mächtigen Dollarkonzerns mit Wolkenkratzern in Chicago, Brüssel und Frankfurt am Main. Aber irgend etwas stimmte nicht, er wirkte zu lebendig, zu geistreich, um seine Zeit an Direktionsschreibtischen und in Privatjets verbracht zu haben.
    Irgend etwas stimmte ganz und gar nicht, und die Malerin begann sich sehr müde, fast schwindlig zu fühlen, als sie die Treppe des Doppeldeckers hinaufkletterte.
    Oben setzte sie sich auf einen der vordersten Plätze, wo das Rauchen erlaubt war. Bis auf ein verliebtes junges Paar, das praktisch total ineinander verschlungen und taub für die Welt war, und einen Herrn in Lederjacke mit großen hundeähnlichen Ohren war sie im Obergeschoß des Busses allein.
    Sie fühlte sich immer noch ganz weich in den Knien und hoffte, daß sie nicht in Ohnmacht fallen oder irgendwie krank werden würde, als der Schaffner erschien.
    Die Malerin G. hielt ihm ihren Fünfzigmarkschein hin, worauf der Schaffner etwas Unverständliches knurrte und den Kopf schüttelte.
    Wer Berlin auch nur ein bißchen kennt, der weiß, daß jeder Berliner Busschaffner sich genauso verhalten hätte. Ein Busschaffner in Ankara, Stockholm oder Damaskus steht im Dienst der Öffentlichkeit. Er kann guter oder schlechter Laune, mehr oder weniger hilfsbereit und zuvorkommend sein, aber grundsätzlich ist er eine Person, der es obliegt, das Fahrgeld zu kassieren und alten Damen sowie Frauen mit Kinderwagen beim Ein- und Aussteigen zu helfen.
    Ein Berliner Busschaffner ist etwas ganz anderes.
    Er

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