Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)
ist ein Kommandant. Die Passagiere, zu denen übrigens nur sehr arme und sehr alte Menschen zählen, da alle übrigen mit dem Taxi oder im eigenen Auto fahren, sind ein zwielichtiges Gesindel, das er in Zucht halten muß. Er verachtet sie und verständigt sich nur durch unartikuliertes Knurren mit ihnen. Wehe dem, der mit größerem Geld als einem Zehnmarkschein ankommt! In den Vorschriften steht, daß der größte Schein, den ein Schaffner wechseln muß, ein Zehner ist, und daran hält er sich auch, selbst wenn seine Tasche von Scheinen und Münzen überquillt.
Das wußte die Malerin G., sie hatte ja schon daran gedacht.
Sie versuchte trotzdem, ihm mit einem schüchternen kleinen Lächeln ihren Fünfziger hinzuhalten.
Der Schaffner ließ sein kehliges Knurren in ein kehliges Gebrüll übergehen, das besagte, sie solle ihr Fahrgeld jetzt ordnungsgemäß zahlen, andernfalls würde sie an der nächsten Haltestelle rausfliegen. Damit begnügte er sich aber nicht, sondern packte sie sogar mit harten, knochigen Fingern am Ellbogen, um sie zum Ausgang zu bringen.
Die Malerin G. war überhaupt nicht gekränkt, sie gehörte zu den Menschen, denen in ihrem Leben so viele Kränkungen dieser Art widerfahren sind, daß sie sie als Teil der normalen Lebensumstände hinnehmen, aber da sie wirklich sehr müde war und außerdem eine leichte Übelkeit empfand, oder jedenfalls ein überraschendes Schwindelgefühl, dachte sie:
– Oh Gott, jetzt muß ich nach Hause laufen, ich werde nicht vor vier heimkommen! Vielleicht ist irgend jemand hier im Bus, der mir wechseln kann? Diese verliebten Jugendlichen haben vielleicht Geld? Wahrscheinlich nicht. Oh Gott, wie mich dieser Mensch anödet.
Und sie machte sich bereit, die harten Finger des Schaffners schon im Polizeigriff um ihren Ellbogen, zum Treppenabsatz zu gehen, als einer der ausländischen Herren ganz überraschend neben ihr stand. Es war der schöne junge Mann mit dem spanischen Aussehen.
– Mademoiselle, sagte er, belästigt Sie dieser Mann?
Nun geschah etwas äußerst Seltsames. Bevor irgend jemand, und am wenigsten die Malerin G., es sich versah, war der Schaffner spurlos verschwunden.
Aber dafür flatterte ein verängstigter Spatz im ganzen Obergeschoß des Busses herum, schlug verzweifelt mit den Flügeln gegen die Fenster und erschreckte den hundeähnlichen Mann mit den großen Ohren und der Lederjacke und das verliebte Pärchen, das nun wirklich aus seinem Doppelegoismus erwacht war und ängstlich dem Geschehen folgte, fast zu Tode.
Alle miteinander begannen sie nun den Vogel zu jagen, der ruhelos und hysterisch zwischen den Fensterscheiben herumflatterte, und alle schwankten hin und her, während der Bus durch die Kurven schlingerte.
Bevor irgend jemand richtig gesehen hatte, wie es geschah, hatte der junge Spanier den Vogel schon in den Händen.
– Mademoiselle, was wünschen Sie, daß ich mit ihm mache?
Die Malerin G., der die Frage sonderbar vorkam und die Mitleid mit dem armen Vogel hatte, sagte:
– Wir müssen ihn hinauslassen.
– Natürlich, sagte der schöne Spanier, der arme Vogel kann einem leid tun.
Er machte ruhig eine der kleinen Lüftungsklappen auf und ließ den Vogel hinaus, der mit einer Reihe von einsamen Piepsern in der Frühlingsnacht verschwand.
Die Malerin stieg am Theodor-Heuss-Platz aus, überquerte ihn und ging zur U-Bahn, immer noch etwas verwirrt. Aber der kühle, frühlingshafte Duft der Rasenflächen nach dem Regen ließ es ihr bald wieder bessergehen. Klarer Mondschein beleuchtete den ganzen Platz, der Aufzug im Funkturm oben fuhr immer noch auf und ab, wie ein Lichtkügelchen, zwischen Himmel und Erde unterwegs.
Die drei Ausländer mußten mit dem Bus weitergefahren sein, und sie vermißte sie ein ganz klein wenig, als hätten sie das Leben für einen Augenblick unterhaltsamer gemacht und die ganze Atmosphäre des Abends knisternder, als sie es sonst gewesen wäre.
Als sie in die U-Bahn hinunterkam, fühlte sie sich wieder in den Alltag zurückversetzt. Die kleinen grünen Bonbonautomaten an den Säulen der U-Bahnstation machten einen beruhigenden Eindruck, es sind gerade solche Dinge, die einem sagen, daß die Welt weder schlechter noch besser sei, als sie es tatsächlich ist, vertraute Kleinigkeiten, die uns bestätigen, daß wir uns immer noch in der normalen Welt befinden.
Ein großes Plakat mit einer fröhlichen Familie beim Baden machte Reklame für Ferienreisen nach Sylt, die Deutsche Oper veranstaltete eine
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