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Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)

Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition)

Titel: Risse in der Mauer: Fünf Romane (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Lars Gustafsson
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Ein Atelier im Grunewald, etwa zehn Millionen Dollar in bar, den Rest in monatlichen Raten, als Indexlohn. Weltruhm und schließlich die künstlerische Vollendung, die jedoch eine sehr viel schwierigere Sache ist.
    Eigentlich ist es nur eine von deinen Klauseln, die mir Sorgen macht, daß du nämlich unbedingt für vierundzwanzig Stunden ein anderer Mensch sein willst, zu einem von dir selbst gewählten Zeitpunkt.
    Weißt du, das entspricht nicht dem normalen Vertrag.
    – Aber Belo, du hast doch meine Gründe gehört?
    – Ich habe deine Gründe gehört, und ich habe großes Verständnis dafür. Ich glaube wirklich, daß du auf diese Weise mehr Wissen erwerben wirst als auf irgendeine andere, die einem Menschen in seinem Leben zur Verfügung stehen kann. Es ist nur so, daß dein Wunsch etwas ungewöhnlich ist. Er stellt unsere Möglichkeiten auf eine außerordentliche Probe.
    – Aber Belo, denk doch an den Preis! Du bekommst dafür meine Seele, meine unsterbliche Seele, auf unbegrenzte Zeit.
    (Sie konnte nicht verhindern, daß ihre Stimme ein klein wenig zitterte, als sie diese letzten Worte sprach.)
    Belo lehnte sich im Sofa zurück und blickte seine beiden Gehilfen einen Augenblick mit einer gewissen müden Resignation an.
    – Laura, du bist ein kluges Mädchen, ein sehr kluges Mädchen. Daher gibt es allen Grund auf der Welt, aufrichtig mit dir zu reden. Du hast einen klaren, gesunden Verstand, du hast das Herz auf dem rechten Fleck, du bist eine wunderbare Malerin, und bevor du fertig bist (er schloß einen Moment die Augen und lehnte sich nachdenklich im Sofa zurück, ungefähr wie es jemand tut, der sich an etwas Angenehmes erinnert), werden die großen Museen der Welt sich wie die Verrückten um deine Bilder reißen. Es wird eine Zeit kommen, wo eine kleine Silberstiftzeichnung von dir bei Sothebys in London für fünfzigtausend Mark weggeht. Aber weißt du, liebe Laura – er ließ seine Hand einen Augenblick väterlich auf ihrem Arm ruhen, und Laura zog ihn erschrocken zurück, da die Hand eine überraschend sinnliche Wärme durch ihren Wollpullover ausstrahlte –, deine Erfahrungen sind trotz allem begrenzt.
    – Natürlich, sagte Laura, ein klein wenig pikiert.
    – Ja, sie sind begrenzt, fuhr Belo väterlich fort, darüber mußt du dir klar sein. Du sprichst davon, daß »wir« deine »unsterbliche Seele« dafür »bekommen« werden, und ich habe den Verdacht, daß du mit diesen Worten die unangenehmsten Vorstellungen verbindest. Du erkennst nicht, daß deine Sprache von einer zweitausendjährigen feindlichen Propaganda geprägt ist. Ohne dir dessen bewußt zu sein, benutzt du eine Sprache, die ganz und gar von Haß durchdrungen ist, von einem abgrundtiefen Haß auf uns, auf unser Gesellschaftssystem, auf unsere Lebensform, auf alles, was wir darstellen. (Er schien einen Augenblick richtig empört zu sein, verfiel aber dann sofort wieder in seinen onkelhaft-altväterlich-professoralen Ton.) Du sprichst davon, daß »wir« deine »unsterbliche Seele« dafür »bekommen« werden.
    – Was heißt wir? warf Uriel ein.
    – Genau. Was heißt wir? Und was heißt »bekommen«? Ich kann mir schon denken, welche Vorstellungen du damit verbindest. Riesige Meere aus kochendem Schwefel, blutiger Regen, echsenhafte
    Monster, die dir schrecklich schamlose Angebote machen, Eidechsen mit Menschenkörpern, die darauf bestehen, dir mit ihren rauhen Zungen die edelsten Körperteile zu lecken, abscheuliche fliegende Ungeheuer, die dich durch hundert Grad heiße Wüsten verfolgen, wo du bis zu den Waden durch kochendes Pech gehst, widerliche alte Weiber, die unter irrem Gekicher versuchen, dir mit Hutnadeln die Augen auszustechen...
    – Belo, sagte Uriel, versuche bitte deine Phantasie zu zügeln, siehst du denn nicht, daß sie ganz bleich ist?
    – Verzeihung, sagte Belo. Ich wollte nur ein paar Kostproben von dem geben, was uns jahrtausendelang nachgesagt wurde. Aber natürlich nur, um deutlich zu machen, was für abscheuliche Propagandalügen man über uns verbreitet hat.
    – Kann man sich wirklich darauf verlassen, daß es Lügen sind, fragte Laura. Denk nur an Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel und...
    – Liebe Laura (er konnte erst im letzten Moment den Impuls unterdrücken, die Hand noch einmal väterlich auf ihren Oberarm zu legen), laß mich ein für allemal feststellen, daß das alles Lüge ist. Eine dreckige, genial gesteuerte, hartnäckige, systematische Lügenpropaganda.
    Es muß dir doch wohl klar sein,

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