Riven Rock
entschlossen ausgeknipst, irgendwo weit weg in den Adirondacks und bei dem Bauch dieses Fisches, der Forelle, aber jetzt lag ein Finger darauf, und diesen Finger juckte es, ihn wieder einzuschalten, den Kreislauf von neuem zu beginnen, das Rasen und die Angst, die namenlos und formlos, doch dabei um nichts minder entsetzlich war. Er wandte sich abrupt vom Spiegel ab und zwang den Kopf nach unten, um die Dinge eines nach dem anderen in sich aufzunehmen und so die Welt wieder zurechtzurücken, wie ein Kind mit einem Satz Bauklötzen einen Würfel auf den anderen stapelt, bis sich mitten auf dem Teppich im Ballsaal eine feste Burg erhob, samt Türmen und Zinnen und allem Drum und Dran. Seine Schuhe, er starrte auf seine Schuhe. Die waren nicht schwarz. Sie waren braun, aber das Braun war Staub, Straßenstaub, und dieser Staub war da, weil er im Motorwagen über Land gefahren war – und er hatte das wegen seiner Nerven getan, um sie zu beruhigen, um sie zu entspannen und zu massieren wie überanstrengte Muskeln. Was hatte ihm doch Dr. Favill geraten? Eine Abwechslung von der Harvester Company, einen Urlaub sollte er sich gönnen. »Warum nicht etwas Stärkendes?« fragte er mit all seiner rhetorischen Inbrunst. »Eine Wanderung auf den Hebriden? Oder durch die Schweizer Alpen?« Na gut. Und da waren seine Hosenumschläge, genau, und die Ärmel seines Jacketts, sein Hemd, und das hier, das war seine Krawatte, lose baumelnd.
Er war bereit. Bereit zu allem. Und so blickte er jählings wieder in den Spiegel, gestählt und bereit, doch das war sein größter Fehler, denn nun wurde der Schalter sofort wieder angeknipst, und niemand konnte es verhindern: Da war er, dort im Spiegel, ganz deutlich, seine Hände mit dem Collegering, sein Anzug und die Schultern, die er verbarg, aber statt seines Kopfes, des Kopfes von Stanley Robert McCormick, Sohn von Cyrus Hall McCormick, dem Erfinder der mechanischen Mähmaschine, war da ein Hundekopf. Seine Augen waren die Augen des Hundes, und der Hund war er. Das versetzte ihm einen Schlag. Es warf ihn um. Ein Hund? Warum ein Hund? Er hatte Hunde immer gemocht – beim Anblick des Hundes im Spiegel dachte er an Digger, seinen Beagle –, dies aber war ein häßlicher Hund, ein lechzender, stinkender, geiler, unchristlicher, unerlöster, herumhurender, frauenvernichtender Boxerhund mit eingeschlagenem Gesicht und einer Zunge, die herabhing wie ein schlaffer roter Phallus, beschmiert mit dem weißen Zeug, das sein Speichel war...
Er war nun wieder draußen im Korridor, hinter ihm schloß sich die Tür mit einem Ächzen, Stimmengemurmel und die Gerüche und Geräusche der Küche lagen vor ihm, und seine Beine trugen ihn dorthin, er wollte etwas bestellen – ein Sandwich und eine Limonade –, aber würden sie Hunde bedienen? So, vom Korridor in den Schankraum, wo er reglos neben der Garderobe stehenblieb, all die glänzenden Gesichter und die verstohlenen Blicke wandten sich ihm zu, und...
Die Kellnerin (wieder da): »Darf ich Sie jetzt zu Ihrem Tisch bringen, Sir? Sir?«
Stanley: »Ich bin... ich denke nicht, daß ich... ich kann nicht... ich habe eigentlich gar keinen Hunger mehr, glaube ich...«
Die Kellnerin (erblassend, gequält, zurückweichend): »Ach, das macht gar nichts, keine Sorge. Passiert mir auch andauernd: eben noch wäre ich für ein Stück Kuchen um die halbe Welt gelaufen – am liebsten hab ich Zitronenbaiser –, und dann plötzlich hab ich das Gefühl, als hätt ich gerade eine ganze Kuh verdrückt und krieg keinen Bissen davon runter... Na schön. Also machen Sie’s gut.«
Der Schalter war umgelegt, und es steuerte ihn zur Tür hinaus, auf die Straße, vorbei an der Menge von Glotzern, Autonarren und barfüßigen Kindern, die jetzt im Sommer keine Schule hatten, und schon fuhr er wieder davon, er fuhr schnell, fuhr wie der Teufel, und ließ Boxerhunde, geflügelte Dämonen und frauliche Kellnerinnen schnaufend hinter sich zurück.
Was ihm an diesem Tag half, so paradox es klingen mag, war ein geplatzter Reifen. Pannen dieser Art waren so alltäglich wie Regengüsse zu jener Zeit, als die Straßen nicht gepflastert und Reifen schwer zu bekommen waren; Werkstätten, Mechaniker und Tankstellen gab es noch nicht, und jeder Kraftfahrer hatte selbstverständlich Wagenheber und Schraubenschlüssel, Luftpumpe, Flickzeug und Ersatzschläuche dabei, außerdem natürlich so viele Kanister mit Treibstoff und Öl, wie er befördern konnte. So auch Stanley. Normalerweise
Weitere Kostenlose Bücher