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Rot und Schwarz

Titel: Rot und Schwarz Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Stendhal
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sollen Sie mit einer Extrapost fahren, wie ein junger Herr, der zu seinem Vergnügen eine Reise macht. Ihr Hauptaugenmerk muß darauf ausgehen, niemandem aufzufallen. Ich schicke Sie zu einer hohen Persönlichkeit. An Ort und Stelle müssen Sie besonders gewandt sein! Es handelt sich darum, die ganze Umgebung dieser Persönlichkeit zu täuschen, denn unter ihren Sekretären und Dienern gibt es Leute, die im Solde unsrer Gegner stehen und unsre Agenten belauern und abfangen. Sie bekommen nichts mit als einen belanglosen Empfehlungsbrief. In dem Augenblicke, wo Seine Durchlaucht den Blick auf Sie richtet, ziehen Sie meine Taschenuhr, die ich Ihnen für die Reise mitgebe. Nehmen Sie sie gleich jetzt und geben Sie mir so lange die Ihre! Der Herzog wird die vier Seiten, die Sie auswendig gelernt haben und ihm diktieren, eigenhändig nachschreiben. Hiernach, aber – wohlgemerkt! – nicht früher, können Sie auf Befragen Seiner Durchlaucht von der Sitzung erzählen, der Sie beiwohnen werden.
    Unterwegs, auf Ihrer langen Reise, werden Sie etwas Zerstreuung insofern finden, als es zwischen Paris und dem Wohnsitze Seiner Durchlaucht Leute gibt, die Herrn Abbé Sorel am allerliebsten niederknallen. Damit wäre seine Sendung vereitelt und mir ein bedeutsamer Zeitverlust zugefügt. Wie sollte ich Ihren Tod erfahren? Bei allem Eifer können Sie mir ihn doch nicht depeschieren.
    Beeilen Sie sich jetzt und kaufen Sie einen vollständigen Anzug. Kleiden Sie sich so, wie die Mode vor zwei Jahren war ... Sie müssen heute abend schlecht angezogen gehen. Auf der Reise hingegen werden Sie sich wie gewöhnlich kleiden ... Sie staunen? Erregt es Ihr Argwohn ...? Ja, Verehrtester, unter Umständen veranlaßt es eine der ehrbaren Persönlichkeiten, deren Meinung Sie hören werden, daß Ihnen in irgendeinem guten Gasthofe, wo Sie zur Nacht essen, zum mindesten Opium verabreicht wird ...«
    »Am besten mache ich da vielleicht einen Riesenumweg«, erlaubte sich Julian zu bemerken. »Vermutlich geht die Reise nach Rom ...«
    Herr von La Mole zog ein hochmütiges, unwilliges Gesicht, wie es Julian seit der Zeremonie zu Hohen-Bray nicht wieder an ihm zu sehen bekommen hatte.
    »Das werden Sie erfahren, Herr Sorel, wenn ich es für angebracht finde, es Ihnen mitzuteilen. Ich liebe keine Fragen.«
    »Es sollte keine sein«, stammelte Julian. »Das versichre ich Eurer Exzellenz. Ich habe vor Eifer laut gedacht. Meine Gedanken suchen nach dem sichersten Wege ...«
    »Ihre Gedanken waren offenbar nicht, wo sie sein sollten ... Vergessen Sie nie, daß ein Vertrauensmann, zumal einer in Ihrem Alter, das Vertrauen stets an sich herankommen lassen muß.«
    Julian war geknickt. Er hatte unrecht. Seine Eigenliebe suchte nach einer Entschuldigung, fand aber keine.
    »Wissen Sie«, fügte der Marquis hinzu, »wenn man eine Dummheit gemacht hat, schickt man immer das Herz und nicht das Hirn ins Gefecht.«
    Eine Stunde später stellte sich Julian in einem spießerlichen Anzug wieder im Vorzimmer des Marquis ein. Er hatte einen altmodischen Rock an und eine Krawatte von zweifelhaftem Weiß. In seiner ganzen Erscheinung lag etwas Schulmeisterliches.
    Als ihn der Marquis sah, lachte er herzlich. Erst jetzt war Julians Rechtfertigung gelungen. »Wenn mich dieser junge Mann verrät«, dachte er bei sich, »dann kann man überhaupt niemandem mehr trauen. Und doch muß man einen Vertrauten haben, wenn man handeln will. Mein Sohn und seine vortrefflichen Freunde ... alles derselbe Schlag: mutig wie die Löwen und unbedingt zuverlässig ... Wenn es sein muß, lassen sie sich auf den Stufen des Thrones totschießen ... Sie haben Geschick zu allem ... nur nicht zu dem, was im Augenblick not tut! Der Teufel soll mich holen, wenn ich einen unter ihnen fände, der vier Seiten auswendig lernt und siebzig Meilen reist, ohne daß man seine Spur verfolgen kann! Norbert opfert sein Leben jede Stunde, wie so mancher seiner Vorfahren. Aber das kann jeder Rekrut –«
    Der Marquis verlor sich in Grübeleien. »Und wenn es ein Gang In den Tod wäre...« Er seufzte auf. »...das kann dieser Sorel schließlich ebensogut wie mein Sohn!«
    »Jetzt aber fort!« rief er. Man sah ihm an, daß er einen lästigen Gedanken verscheuchte.
    »Eure Exzellenz«, sagte Julian, als beide in den Wagen stiegen, »während ich auf meinen Rock warten mußte, habe ich die erste Seite der heutigen
Quotidienne
auswendig gelernt.«
    Der Marquis ergriff die Zeitung, und Julian sagte auf, ohne

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