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Rückkehr nach Killybegs

Rückkehr nach Killybegs

Titel: Rückkehr nach Killybegs Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Sorj Chalandon
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Informationen bezahlt …«
    Ich holte tief Atem. Ich bekam wieder Luft. Endlich. Es war vollbracht. Diese Beichte steckte mir seit all den Jahren im Hals. Tag und Nacht hatte ich sie wiederholt. Leise auf der Straße, an den Kneipentheken, in unseren Aufmärschen unter der Trikolore. Aus den Augenwinkeln gemurmelt. Vor Sheila, Jack, meinen Kameraden, meinen Freunden. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass jemand sie hört. Und ich hatte sodarum gebetet, dass niemand davon erfährt. Abends sehnte ich mich nach Erlösung. Morgens hielt ich mich immer noch ein bisschen für den großen Tyrone Meehan.
    Nach meinem Geständnis brachten mich die Männer hinaus, verfolgt von Dutzenden Fragen. Ich setzte mich wieder an meinen Platz zwischen Pete und dem Bärchen. Meine Hände zitterten ein wenig. »Der Killer« packte mich nicht am Knie. Sie brachten mich aufs Land, ein paar Kilometer hinter Dún Laoghaire, zum Verhör durch die IRA. Sie hatten nicht begriffen, dass ich diese seelenlose Beichte vor der Presse auch an mein eigenes Lager gerichtet hatte. Ich würde stumm bleiben. Ich hatte schon zu viel geredet. Jetzt war es für mich an der Zeit zu schweigen.
    *
    Am 20. Dezember, nach vier Tagen Verhör, stand ich um neun Uhr wieder auf der Straße. Sie hatten mich nicht geschlagen, nicht einmal grob behandelt. Sie wollten nicht mehr.
    »Wir hören auf, Tyrone«, sagte Mike, nachdem er die Kamera ausgeschaltet hatte.
    »Ich darf gehen?«
    »So ist es.«
    Also ging ich. An den Hafen, in die Stadt. Mit schwarzer Brille und tief in die Stirn gezogener Mütze, wie damals als Soldat. Mein Foto war durch die Zeitungen gegangen. Noch verirrte es sich manchmal ganz unten auf eine Seite. Zwei Gesichter nebeneinander, der junge Tyrone und der Drecksack. Der strahlende Junge inmitten anderer Kämpfer mitseinem Schmugglerlächeln im Gefängnis von Crumlin. Und der stumpfe Greis zwischen Mike und Eugene, glanzlos, unfrisiert, mit rissigen Lippen und leerem Blick, umringt von Mikrofonen wie von den Gewehren eines Erschießungskommandos. Ein Knäuel Angst. Zu dieser Zeit fantasierten Thekenhelden vom Norden bis in den Süden Irlands davon, mir ein paar Löcher in den Pelz zu brennen. Mein Name dröhnte durch die Kneipen, Augen suchten nach mir. Andere schworen, mich gekannt zu haben, und wurden ohne Ende im nationalen Fernsehen interviewt.
    »Haben Sie wirklich nichts davon geahnt?«
    Sheila hatte hundertfünfzig Euro in meiner Tasche versteckt. Drei gefaltete Fünfziger in der Papierserviette um mein Sandwich. Ich fuhr mit dem Bus bis ins Zentrum von Dublin. Mit Bauchschmerzen und Kopfschmerzen. In dieser Stadt hatte ich mich nie sicher gefühlt, jetzt war ich zu einer Bedrohung geworden. Ich wollte mit dem Bus nach Donegal, um den Bahnhof zu meiden. Außerdem fahren weniger Menschen mit dem Bus. Sobald man sitzt, ist man in Sicherheit. Der erste »Bus Éireann« fuhr um dreizehn Uhr. Ich setzte mich ganz nach hinten, links, um dem großen Rückspiegel des Fahrers zu entgehen. Ich aß Sheilas weiches Brot mit Solei und Zwiebeln. Ein paar Sitze weiter lag mein Foto aufgeschlagen. Ich kauerte mich auf meinem Sitz zusammen. Ich musste schlafen.
    In Navan schloss ich die Augen. Nur für ein paar Minuten. Virginia, Cavan. Mein Land glitt schweigend vorbei. Bei jedem Halt drehte ich mich zum Fenster, die Hand vor der Stirn. Ballyconnell, Ballyshannon, der Fahrer machte sichüber die Schafe auf der Straße lustig. Über einen umgestürzten Baum. Über die amerikanische Touristin, die in Pettigo eingestiegen war und das Innere des Busses fotografierte.
    »In Irland kosten Bildrechte einen Euro pro Passagier«, murmelte er ins Mikrofon.
    Sie errötete und entschuldigte sich drollig. Bis sein Lachen sie beruhigte.
    Wir durchquerten Donegal. Es fing an zu dämmern. Ich fühlte die Grenzen meiner Kindheit in mir pochen. Fast fünf Stunden Fahrt.
    »Killybegs! Upper Road«, rief der Fahrer, ein kleiner bäuerlicher Rothaariger mit einer blauen Brille, die er von einem Studenten am Trinity College geliehen haben könnte.
    Ich zog mir den Schal über den Mund und ging stumm zur Tür. Ich war der Einzige, der hier ausstieg. Die Tür öffnete sich nicht. Ich war gezwungen, nach vorn zu schauen und den Fahrer anzusehen. Endlich betätigte er den Knopf.
    »Viel Glück!«, rief er.
    Auf dem Trittbrett drehte ich mich noch einmal um. Er beobachtete mich. Ich nickte. Als Busfahrer sagt man Auf Wiedersehen. Bis bald. Hoffentlich regnet es nicht. Aber doch

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