Saemtliche Werke von Jean Paul
Funken lud, hatte eben deswegen gegen Agnola, mit der er bloß der Politik wegen die Konkordaten der Ehe abgeschlossen, alle Wärme seines – Monatnamens. Gegen Viktor, den Sohn ihres Erbfeindes, den Nachfahrer des Hausdiebes der fürstlichen Gunst, hegte sie, wie leicht zu erachten, wahre – Zärtlichkeit. Unser armer Held – betroffen über Jenners Kälte, für die er sich von der Gemahlin eben keine sonderliche Wärme gegen sich selber versprach – betrug sich so ernsthaft wie der ältere und jüngere Kato zugleich. Er dankte Gott (und ich selber), daß er fortkam.
Aber unter dem ganzen Wege dachte er: »Hätt’ ich nur mein Sendschreiben aus dem Uhr-Kuvert heraus! Ach ich täte dann alles, arme Agnola, dich zu versöhnen mit deinem Schicksal und mit deinem Gemahl!« – »Ach St. Lüne,« – (setzte er unter dem Vorbeifahren vor dem Stadtsenior hinzu) – »du friedlicher Ort voll Blumen und Liebe! Die Hatzpachtung versendet deinen Bastian von einem Hatzhaus ins andre.«
Denn er mußte höflichkeithalber doch auch zum wirklichen Minister – und Jenner nahm ihn mit. Dorthin ging er mit Lust, gleichsam wie in ein Seegefecht oder in ein Kontumazhaus oder in den russischen Eispalast.
Möbeln und Personen waren in Schleunes’ Hause vom feinsten Geschmack. Viktor fand darin von den Wackelfiguren und Hofleuten an bis zu den Basaltbüsten alter Gelehrten und zu den Puppen der Schleunesschen Töchter, vom geglätteten Fußboden bis zu den geglätteten Gesichtern, vom Puderkabinett bis zum Lesekabinett – beide schminkten den Kopf schon im Durchmarsch –, kurz, überall fand er alles, was die Prachtgesetze je – verboten haben. Seine erste Verlegenheit bei der Fürstin gab ihm die Stimmung zu einer zweiten. Es war der alte Viktor gar nicht mehr. Ich weiß voraus, daß ihn die löblichen Schullehrer am Marianum in Scheerau darüber hart anlassen werden – zumal der Rektor –, daß er so wenig Welt hatte, daß er dort witzig ohne Munterkeit, gezwungen-frei ohne Gefälligkeit, zu beweglich mit den Augen, zu unbeweglich mit andern Gliedern war. Aber man muß diesen Hof- und Schulleuten vorstellen: er konnte nichts dafür. Der Rektor selber würde so gut wie Viktor verlegen gewesen sein vor der schöngeisterischen Ministerin, die zwar Meusel noch nicht, aber doch der Hof in sein gelehrtes Deutschland gesetzt – vor ihren spottsüchtigen Töchtern, zumal vor der schönsten, die Joachime hieß – vor einigen Fremden – vor so viel Leuten, die ihn haßten vom Vater her, und die ihn beobachteten, um sein Verhältnis mit dem Fürsten zu erklären und zu rechtfertigen – vor der Fürstin selber, die der Henker auch da hatte – vor Matthieu, der hier in seinem Element und in seiner Hauptrolle und Bravourarie war – und vor dem Minister. – Zumal vor dem letzten: Viktor fand an diesem einen Mann voll Würde, dem die Geschäfte die Artigkeit nicht nahmen, noch das Denken den Witz, und den eine kleine Ironie und Kälte nur noch mehr erhoben, der aber Gefühl, Gelehrte und die Menschen zu verachten schien. Viktor dachte sich überhaupt einen Minister – z. B. Pitt – wie einen Schweizer-Eisberg, an welchen oben Wolken und Tau als Nahrung anfrieren, der die Tiefe drückt und im Wechsel zwischen Schmelzen und Vereisen unten große Flüsse aussendet, und aus dessen Klüften Leichname steigen.
Jenner selber wurde unter ihnen nicht recht froh; was halfen ihm die feinsten Gerichte, wenn sie durch die feinsten Einfälle verbittert wurden? Der Spieltisch war daher – zumal bei der friedlichen Landung seiner Gemahlin – sein ruhiger Ankerplatz; und sein Viktor war dasmal auch froh, neben ihm zu ankern. Mein Korrespondent meint, den Stimmhammer zu diesem überfeinen, dreimal gestrichenen Ton drehte bloß die Ministerin, die alle Wissenschaften im Kopfe und zwar auf der Zunge hatte und deswegen wöchentlich ein bureau d’esprit hielt. In dieser lächerlichen Verfassung verspielte Sebastian seinen Abend und verschluckte sein Souper: er konnte gut erzählen, aber er hatte nichts zu erzählen – in den wenigen Contes, die ihm beiwohnten, war alles namenlos, und dem Zirkel um ihn waren gerade die Namen das erste – seine Laune konnt’ er auch nicht gebrauchen, weil so eine wie die seinige den Inhaber selber in ein sanftes komisches Licht stellet, und weil sie also nur unter guten Freunden, deren Achtung man nicht verlieren kann, aber nicht unter bösen Freunden, deren Achtung man ertrotzen muß, in ihren Sokkus und
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