Saemtliche Werke von Jean Paul
Narrenkragen fahren darf – er genoß nicht einmal das Glück, innerlich alle auszulachen, weil er keine Zeit dazu hatte, und weil er die Leute nicht eher lächerlich fand als hinter ihrem Rücken. – –
Verdammt übel war er dran – »Ich komm’ euch sobald nicht wieder«, dachte er – und als der Mond durch die zwei langen Glastüren des Balkons, der auf den Garten hinaussah, mit seinem träumerischen Lichte einging, das draußen auf stillere Wohnungen, schönere Aussichten und ruhigere Herzen fiel: so schlich er (da seine Spiel-Maskopeigesellschaft durch den Fürsten nach dem Essen zertrennt war) auf den Balkon hinaus, und die auf der Erde und am Himmel blinkende Nacht erhob seine Brust durch größere Szenen. Mit welcher Liebe dachte er da an seinen Vater, dessen philosophische Kälte dem Jennerschnee gleich war, der die Saat gegen Frost bedeckt, indes die höfische dem Märzschnee ähnlicht, der die Keime zerfrisset! Wie sehr warf er sich jeden unzufriedenen Gedanken gegen seines rechtschaffenen Flamins kleinen Mangel an Feinheit vor! O wie richtete sich sein innerer Mensch wie ein gefallener und begnadigter Engel auf, da er sich Emanuel an der Hand Klotildens dachte, der ihn selig fragte: »Wo fandest du heute ein Ebenbild von meiner Freundin?« – Jetzo sehnte er sich unaussprechlich in sein St. Lüne zurück….
Seine steigenden Herzschläge hielt auf einmal Joachime an, die mit einem ins Zimmer gerichteten Gelächter herauskam. Da es ihr schwer fiel, nur eine Stunde zu sitzen (mich wundert, wie sie eine ganze Nacht im Bette blieb), so machte sie sich, sooft sie konnte, vom Stangengebiß des Spieles los. Die Fürstin band sie dasmal ab, die wegen ihrer kranken Augen diese Nachtarbeit der Großen aussetzte. Joachime war keine Klotilde, aber sie hatte doch zwei Augen wie zwei Rosensteine geschliffen – zwei Lippen wie gemalt – zwei Hände wie gegossen – und überhaupt alle Glieder-Doubletten recht hübsch…. Und damit hält ein Hofarzt schon Haus; wenn auch die einfachen Exemplare (Herz, Kopf, Nase, Stirn) keiner Klotilde zugehören. Da er nun unter dem großen Himmel seinen Mut und auf dem Balkon, der für ihn allemal ein Sprachzimmer war, seine Zunge wiederbekam – da Joachimens Ton ihn wieder in seinen zurückstimmte – da sie das Schweigen der Briten antastete und er die Ausnahmen verteidigte – da er jetzt am Faden der Rede sich wie eine Spinne hinauf- und hinablassen konnte und nicht mehr zu stören war durch die Fürstin, die nachgekommen war, um die entzündeten Augen in der Nacht abzukühlen – und da man nur dann klagt, Langweile zu empfinden, wenn man bloß selber eine macht – und da ich alles dieses hersetze, so tu’ ich (glaub’ ich) einem Rezensenten genug, der hinter dem Kutschkasten des Fürsten steht und nachsinnt und wissen will, woran er sich (außer den Lakaienriemen) zu halten habe, wenn unter ihm Viktor im Wagen während des Heimfahrens des Ministers Haus nicht zum Teufel wünscht, sondern zufriedner denkt: meinetwegen! –
Dem Fürsten schlug der Umgang Viktors so gut zu, daß er sich vorstellte, er könne ihn so wenig wie ein Stiftfräulein das Ordenzeichen außer Hause vom Leibe tun. Er stürzte allezeit den Ordenkelch und Willkommen des warmen Sprudels einer neuen Freundschaft so unmäßig hinein wie ein Gast in Karlsbad den seinen. Wenn er Langweile hatte, wurde der Medikus ersucht, zu kommen, damit sie wiche; wenn er innern Jubel spürte, wurde jener wieder angefleht, zu erscheinen, damit er den Jubel mitgenösse. Nur die Zeit, wo Jenner weder Langeweile noch das Gegenteil empfand, blieb seinem Freunde ganz zu freier Verwendung. Viktor hatte vorher geschworen, leicht abzuschlagen, und auf die Leute losgezogen, die bewilligten; jetzt sagt’ er aber: »Der Teufel sage Nein! Es komm’ nur ein Mensch erst in die Lage!« – – Und so mußte der arme Viktor lauter leere Kreise voll Schwindel im Hof-Zirkel des Thrones beschreiben, unter Menschen, für deren Ton er leichter ein Ohr als eine Zunge hatte, und die er erraten und doch nicht gewinnen konnte.
Ein Jüngling, in dessen Brust die Nachtstücke von Maienthal und St. Lüne hängen – oder einer, der aus einem Baddörfchen anlangt – oder einer, der vorhat sich zu verlieben – oder einer, der in großen Städten oder in ihren großen Zirkeln ein müßiger Zuschauer sein muß, jeder von diesen ist schon für sich auch ein mißvergnügter darin und stößet in seine kritische Pfeife so lange gegen die
Weitere Kostenlose Bücher