Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Salomes siebter Schleier (German Edition)

Salomes siebter Schleier (German Edition)

Titel: Salomes siebter Schleier (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tom Robbins
Vom Netzwerk:
Jerusalem zurückgekommen sein sollte, selbst wenn er da war, um heimlich ihre Bilder auszuspionieren, wird sie ihn in dieser Nacht wohl kaum noch sehen. Nachdem sie den Rauch und den Schmutz aus dem I & I abgeduscht und eine Feuchtigkeitscreme auf Gesicht und Körper aufgetragen hat, zieht sie die oberste Schublade ihrer Wäschekommode auf und greift nach dem Vibrator.
All diese Geilheit im I & I muss auf mich abgefärbt haben
, denkt sie.
    Als sie merkt, dass der Löffel nicht da ist, wo sie ihn hingelegt und noch vor wenigen Stunden gesehen hat, zieht sich ihr Rückgrat zusammen wie Euklids Sackhalter, und mit ihrem Blut hätte ein tropisches Hotel seine Räume kühlen können.
     
    Man hat herausgefunden, dass ein Mensch im Laufe seines Lebens ungefähr ein Jahr damit vertut, nach verlorenen Gegenständen zu suchen. Ellen Cherry ahnte bereits, dass sie ihr ganzes Jahr aufzehren könnte, ohne den Löffel zu finden, aber sie versuchte es trotzdem. In diesem Zustand, der an Panik grenzte, wusste sie nicht, was sie sonst hätte tun sollen. Das kleine Apartment auf den Kopf zu stellen ging so schnell, dass sie es gleich zweimal hintereinander tat.
    Sie kämpfte sich in einen seidenen Kimono – ihre Gänsehaut war so stark, dass der Kimono überall hängen blieb – und fuhr mit dem Aufzug in die Halle hinunter, wobei sie immer wieder verstohlene Blicke über die Schulter warf und bei jedem Geräusch oder Schatten zusammenfuhr. Sie wählte eine bestimmte Nummer, obwohl sie geschworen hatte, sie nie wieder zu wählen, und wartete mit einem starken Übelkeitsgefühl im Bauch, während es in Ultima Sommervells Stadthaus klingelte.
    «Ja?» Im Hintergrund war schwaches Hundegebell zu hören.
    «Entschuldigen Sie. Hier spricht Ellen Cherry Charles. Ich würd nur gern wissen, ob Boomer schon wieder in New York ist.»
    «Meine Liebe, es ist vier Uhr morgens, zum Teufel noch mal! Sie haben wohl schlecht geträumt. Nein, unglücklicherweise ist er noch nicht wieder da. Im Gegenteil, ich fliege am Montagmorgen nach Israel, um ihn zur Rückkehr zu überreden. Er entpuppt sich als zweiter Jean-Michel Basquiat: Er ist tatsächlich blöd genug, seinen eigenen Erfolg zu sabotieren.»
    «Er ist also noch nicht wieder zurück?»
    «Sie hören sich gar nicht gut an. Vielleicht sollten Sie was zur Beruhigung nehmen.»
    «Danke, entschuldigen Sie nochmals.» Sie hängte auf und wählte Spike Cohens Nummer. «Tut mir leid, Sie um diese Zeit aufzuwecken, Mr. Cohen. Es hört sich vielleicht albern an, aber da war jemand in meinem Apartment und …»
    Als die Einzelheiten der Geschichte aus ihr herausquollen wie frische Spaghetti, fand Spike sie tatsächlich etwas albern. Trotzdem zögerte er nicht, sie zu beruhigen und aufzumuntern. «Nu Sie machen sich keine Sorgen,
darlink
. Ich bin schon unterwegs. Wenn es ist ein
dybbuk
, was Sie verfolgt, weiß ich, was ihn vertreibt.»
    Als Ellen Cherry
dybbuk
endlich im Lexikon gefunden hatte – sie verschwendete zehn Minuten damit, unter
di
zu suchen –, traf Spike auch schon im Ansonia ein, in der Tasche eine Kopie des einundneunzigsten Psalms und einen Viertelliter Rum. Sie hatte ihn bereits hereingebeten, als sie merkte, dass sie nur ihren dünnen, geblümten Kimono trug und sonst nichts außer einer rasch verdunstenden Schicht Feuchtigkeitscreme. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen; er versuchte, woanders hinzusehen.
    «Um zu vertreiben Ihre Dämon, muss ich laut vorlesen die einundneunzigste Psalm. Wenn das nicht hilft, dann ich muss blasen die
shofar
, das Horn des Widders. Die
shofar
wirkt garantiert. Oj! Zu schade, ich besitze keine
shofar
, deswegen ich habe mitgebracht eine Flasche Rum stattdessen.»
    «Mr. Cohen, Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ein
dybbuk
dahintersteckt …»
    Er lächelte. Seine Zähne waren regelmäßig und so weiß wie Waschpulver. «Nein, nein», sagte er. «Natürlich nicht. Kein
dybbuk
mit eine Funken von Selbstachtung würde belästigen eine
shiksa
. Aber es ist eine hübsche Psalm, und der Rum ist auch nicht schlecht.»
     
    Spike goss jedem von ihnen drei Fingerbreit dunklen Bacardi ein. «Und jetzt», sagte er und setzte sich ihr gegenüber, «Sie erzählen mir von diese Löffel, was kommt und geht, kommt und geht.»
    Während Ellen Cherry berichtete, nahm Spoon gerade ihren ganzen Mut zusammen, um aus dem schmutzigen Zeitungspapier zu linsen, in dem sie sich verkrochen hatte. Zufällig war es die Titelseite einer New Yorker

Weitere Kostenlose Bücher