Salomes siebter Schleier (German Edition)
wartete. So ging es stundenlang, bis der Stock am späten Abend, oder besser gesagt am frühen Morgen, als der Mond untergegangen war und die menschlichen Aktivitäten nachließen, neben die gastropodische Undine auf den Sims hüpfte und erklärte, er werde sich jetzt zum Meer begeben. Noch bevor Conch Shell ihren Protest zum Ausdruck bringen konnte, war er schon an ihr vorbei und zwängte sich durch das Gitter. Der Durchlass war so schmal, dass ihn das Manöver ein Drittel seiner restlichen Farbe kostete. Winzige Späne, bemalt von Händen, die seit dreitausend Jahren tot waren, splitterten ab und gesellten sich zu dem Ruß und Schmutz auf dem städtischen Bürgersteig. Painted Stick achtete nicht darauf, sondern trat furchtlos an den Randstein, wo er Verbindung zu den Sternen aufnahm. Nachdem er ermittelt hatte, in welcher Richtung sich der Ozean befand, machte er sich auf den Weg, radschlagend und so schnell, dass er hoffentlich für menschliche Augen unsichtbar blieb. Als er mehrere Blocks hinter sich hatte, ohne entdeckt zu werden, packte ihn ein vertrautes, überwältigendes Machtgefühl, und er fragte sich, warum er das nicht schon längst probiert hatte. Painted Stick schaffte es nicht bis zum Meer. Der East River kam ihm in die Quere. Mehr als eine Stunde verharrte er auf der Ufermauer, etwa zweihundert Meter vom Isaac & Ishmael’s entfernt, um die Strömung und die Schifffahrt zu beobachten. Etwas weiter flussab gab es anscheinend einen Hafen, und dahinter musste der offene Atlantik sein, aber wie weit es bis dahin sein mochte, vermochte er nicht festzustellen. Jedenfalls konnte es nicht viel mehr als ein Katzensprung sein, und er war entschlossen, sein Häuflein dorthin zu führen, damit sie sich auf ein nach Israel auslaufendes Schiff schmuggeln konnten. Diese modernen Wasserfahrzeuge, die da in der Nacht an ihm vorbeiglitten, waren ziemlich riesig im Vergleich zu dem phönizischen Boot, in dem er nach Amerika gekommen war, obgleich sie ihm langsamer erschienen und bei weitem nicht so schön. Auf alle Fälle würde es mit Sicherheit ein Plätzchen an Bord geben, an dem man sich verstecken konnte, und das war eine gute Nachricht.
Kurz nach vier Uhr morgens machte sich der Stock auf den Rückweg, indem er sich wie ein vertikaler Propeller um seine eigene Achse drehte. Er war erst ein kurzes Stück die Straße mit der Nummer 49 hinaufgekommen, als er die schüchterne, atemlose «Stimme» des amerikanischen Löffels «hörte», die seinen Namen «rief». Painted Stick verriet keinerlei Überraschung, dazu war er nicht der Typ, aber Spoon konnte seine Erregung an den vielen Fragen erkennen, mit denen er sie bestürmte. Sie hätte nie gedacht, dass er so aus sich herausgehen konnte.
«O Sir, bitte helfen Sie mir nur zurück zur Kathedrale», flehte sie. «Dort wird jede Menge Zeit für Erklärungen sein. Sind die anderen noch da? Can o’ Beans?»
Painted Stick schickte sie vor. «Sie kommen langsam voran und sind leicht zu entdecken. Laufen Sie einfach, so schnell Sie können, bleiben Sie auf der Straße, dicht am Bordstein, und verlassen Sie sich darauf, dass ich Ihre Flanke schütze.»
So machten sie sich auf den Weg: Spoon trippelte zwischen parkenden Autos und dem Rinnstein entlang, Painted Stick hielt sich einen halben Block hinter ihr auf dem Gehweg. Er wirbelte so schnell er konnte, um unsichtbar zu bleiben, achtete jedoch darauf, den Abstand nicht zu verringern. Das System schien zu funktionieren, aber sie waren noch nicht weit gekommen, da gerieten sie schon in eine Klemme.
Die Tür von Mel Davis’ Hundeboutique flog auf, und ein Mann in T-Shirt und Jeans kam herausgerannt. Er war beladen mit Hundehalsbändern, manche mit Diamanten besetzt, andere mit Rubinen, die im Schein der Straßenlaterne ebenso rot schimmerten wie die entzündeten Einstichnarben in seinen Armen. Er stürzte zum Bordstein, als würde dort ein Komplize mit einem Wagen auf ihn warten, und entdeckte im gleichen Augenblick die vorbeihuschende Spoon. Instinktiv bückte er sich, um sie besser erkennen zu können, Visionen von irgendeinem teuren ferngesteuerten Spielzeug im Kopf. Spoon hastete weiter. Der Einbrecher versuchte sie zu stoppen, indem er seinen Fuß auf sie setzte. Eben wollte sie ein zerschlissener, schmutziger Turnschuh auf das Pflaster drücken, als Painted Stick angewirbelt kam, sich dem Burschen mit aller Macht in die Leiste rammte, und ihn dann, als er sich vor Schmerzen krümmte, in beide Augen stach. Der
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