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Schattenmelodie

Schattenmelodie

Titel: Schattenmelodie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Daphne Unruh
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die die Touristen durch den Hafen schippern. Warst du schon mal in Danzig? Ich meine, nicht in der magischen Blase, sondern in der Stadt selbst?“
    Ja, war ich, als kleines Kind, aber darüber wollte ich nicht reden. Also schüttelte ich den Kopf: „Nein.“
    „Sie sehen aus wie echte Piratenschiffe und du fühlst dich ins Mittelalter zurückversetzt, wenn sie auf der Motława entlangkommen und im Zentrum von Danzig am Kai festmachen. Normalerweise halten sie an der Westerplatte, da, wo der Zweite Weltkrieg angefangen hat, damit die Touristen aussteigen und sich die Gedenkstätte ansehen können.
    Aber in meinem Traum fuhr ich immer allein bis zum Nordhafen und das Segelschiff machte nur für mich an einem der Kais mit einer Recyclinganlage für Abfallstoffe fest. Jeder Traum wurde intensiver, deutlicher und offenbarte mehr Details. Erst ging ich durch eine Feuerwand, ohne zu verbrennen. Dann sah ich, wie jemand eine Spur aus einem brennbaren Material goss, sie anzündete und mich hindurchschubste. Irgendwann wusste ich, welcher Kai im Nordhafen es genau war und irgendwann wurde das Gesicht der Person, die diese Spur goss, deutlich. Und dann war es so weit, genau an meinem achtzehnten Geburtstag. Ich wusste, ich musste dorthin. Ich wusste, ich musste durch dieses Feuer. Und ich wusste, dann würden meine Leiden endlich vorbei sein.“
    „Du bist genau an deinem Geburtstag abgehauen?“
    „Ja. Am Morgen kam Maria in mein Zimmer und weckte mich. ‚Alles Gute zum Geburtstag. Du bist jetzt erwachsen‘, hat sie feierlich gesagt und mir einen Gugelhupf mit achtzehn kleinen Kerzen hingestellt, den sie jedes Jahr für mich gebacken hat. Ich hab mir verwirrt die Augen gerieben und mich aufgerichtet. Mir fielen die tiefen Schatten unter ihren Augen auf. Sie waren meine Schuld. Ich wollte irgendwas Liebes zu ihr sagen.
    ‚Danke Maria, ab heute werde ich aufhören zu trinken, ich verspreche es.‘
    Sie seufzte. Ich stand auf und umarmte sie einfach. Sie wehrte sich erschrocken. Körperlich war sie ein sehr distanzierter Mensch, aber ich merkte, dass sie gerührt war und sich freute. Sie konnte ja nicht wissen, dass es ein Abschied für längere Zeit war.“
    Janus lief weiter und schwieg. Er nahm eine Blüte, die auf seine Schulter gesegelt war, und merkte anscheinend nicht, wie er sie zwischen den Fingern zerbröselte. Auf einmal wusste ich, was passiert sein musste.
    „Dein Vater, er hat dir nicht gratuliert.“
    „Das stimmt. Aber wie sollte ich es ihm übelnehmen? Ich hatte ein paar Tage davor im volltrunkenen Zustand sein Auto zu Schrott gefahren. Ich nahm meinen Rucksack, stand eine Weile vor der Tür zu seinem Zimmer, aber konnte mich nicht überwinden zu klopfen und schlich mich aus dem Haus.“
    „Und Maria hat nicht bemerkt, dass du gegangen bist?“
    „Sie war gerade auf den Markt, um für das Abendbrot einzukaufen. Ich mietete mir ein Faltboot, mit dem man die Motława hinauf zur Ostsee fahren konnte. Ich entdeckte den richtigen Kai sofort. Alles sah genauso aus wie in meinen Träumen. Ich wusste, dass mein Vorhaben lebensmüde war, aber ich wusste auch, dass ich nach meinem Traum handeln musste. Na ja, du kennst diesen verzwickten Zustand.“
    Janus sah mich an und ich nickte nur. Dann berichtete er weiter.
    „Jedenfalls, der Mann aus dem Traum, der diese Feuerspur gegossen hatte, saß in einem Bürocontainer und überwachte den Umschlagplatz. Erst dachte er, ich wäre ein Eindringling, der hier nichts zu suchen hatte. Aber dann begannen wir einen seltsamen Dialog.“
    „Einen seltsamen Dialog?“
    Janus gab den Dialog wieder: „‚Hallo. Ich habe von Ihnen geträumt.‘
    ‚Gut, du bist tagsüber gekommen.‘
    ‚So wurde es mir aufgetragen.‘
    ‚Du möchtest durchs Feuer gehen.‘
    ‚Ich muss.‘
    Er sah mich an und wartete auf eine Reaktion von mir.
    „Kling wie einstudiert“, fand ich.
    „Ja, genau. Ich staunte selbst, dass ich einem wildfremden Mann als Erstes erzählte, dass ich von ihm geträumt hatte. Von den anderen Feuerbegabten an der Akademie erfuhr ich später, dass der Dialog immer so ablief. Dass es der richtige Code war, ohne dass man irgendwas vorher schon davon wusste.“
    „Echt? So ein Code am Ätherdurchgang hätte mich damals ziemlich beruhigt. Im Eingangsbereich des Hauses, auf dem sich der Berliner Äther-Durchgang befindet, gibt es einen Pförtner, der einer von uns ist. Aber er ist nie direkt in die Geschichten involviert.“
    „Der Hafenarbeiter in Danzig am

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