Schattenmelodie
Stück ab. Hier oben war es echt kalt. Ich sah, dass Grete am ganzen Körper zitterte.
„Kann ich einen Schluck?“, fragte ich.
Erst saß sie still da. Dann reichte sie mir die Flasche.
Ich setzte sie an. Grete schielte unter ihren Haarsträhnen zu mir herüber und beobachtete genau, ob ich auch trank. Das war ja wieder eine schöne Idee von mir gewesen, sie um die Flasche zu bitten. „Engel-Diät“ ade. Komischerweise war mir das gerade erstaunlich gleichgültig. Als wären Nicht-Essen und Nicht-Trinken sinnlose Angewohnheiten aus einer anderen Welt, die im richtigen Leben nichts zu suchen hatten. Ich nahm einen großen Schluck, dann noch einen, dann noch einen. Und dann noch einen. Der Alkohol rann mir warm und brennend die Kehle hinunter. Es tat gut. Gretes Augen wurden mit jedem meiner Schlucke größer.
„Danke“, sagte ich, wischte mir mit dem Handrücken über den Mund und reichte ihr die Flasche zurück.
„Du musst echt Probleme haben“, analysierte sie in einem Ton, in dem ganz leise Anerkennung mitschwang.
„Du hast was geträumt. Erzähl es mir.“ Ich versuchte, mich Gretes schroffer Art anzupassen. Es funktionierte.
„Nicht nur einmal. Langsam wird es immer absurder. Gestern war ich auf dem Dach des Park Inn –Hotels … und wäre beinahe gesprungen.“
„Was? Das Park Inn ? Aber das ist falsch … Das …“ Ich schlug mir die Hand vor den Mund, erschrocken, dass ich zu viel ausgeplaudert hatte.
„Das ist also falsch, ja? Na, ist ja interessant. Dann kann es jetzt nur noch das Zweitgrößte daneben sein, stimmt’s?!“ Grete grinste, weil ich ihr in die Falle gegangen war.
„Es muss sich dir in den Träumen zeigen. Und zwar ganz deutlich.“
„Okay, das Zweitgrößte daneben. Alles klar. Danke für den Hinweis. Ich werde mich dort umsehen.“
Meine Miene blieb unbeweglich. Doch innerlich hatte ich Panik, dass sie es tatsächlich vor der Zeit tun würde. Aber ich wollte mich auf keinen Fall noch mal von ihr provozieren lassen.
„Natürlich war ich nicht auf dem Park Inn . Nur auf dem Dach da drüben“, lenkte sie ein und nickte mit dem Kopf Richtung Seitenflügel.
Ich ging nicht darauf ein, sondern fragte „Was hast du genau geträumt – in deinem letzten Traum?“
„Na, von dem Seitenflügeldach. Sag ich doch. Und der Hof war voller Wasser.“
Grete veralberte mich. Das war offensichtlich. Okay, sie hatte jetzt Träume. Das war ein sicheres Zeichen. Gleichzeitig schienen sie noch nicht zwingend zu sein. Immerhin redete sie wieder mit mir. Sie war dabei, mir zu verzeihen. Auf ihre Art. Das war erst mal das Wichtigste.
„Deshalb brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“
„Na, dann mach ich mir mal keine Sorgen.“ Grete hob die Flasche und trank, als Zeichen dafür, wie sorglos sie war.
„Grete, ich war … krank. Aber ich bin jetzt wieder da. Und zwar so lange, bis du durch bist mit der Sache. Versprochen.“
„Worte sind Schall und Rauch.“
Ich nahm ihr die Flasche aus der Hand und sie ließ es sogar bereitwillig geschehen. Grete wollte, dass ihr jemand half, dass jemand da war und ich spürte ihre Dankbarkeit, weil ich zurückgekommen war.
Ich hatte ihr mein Wort gegeben, ohne darüber nachzudenken, wie ich dadurch über mein eigenes Leben entschied. Das ganze Gegenteil von meinem eigentlichen Plan. Wie kriegte sie mich nur immer dazu? Ich hatte Grete damit versprochen, hier wieder einzuziehen und schluckte. Aber ich würde mein Versprechen halten. Koste es, was es wolle.
„Wann hast du das letzte Mal was gegessen?“
„Vor zwei Wochen.“
Gut, das war schon eine Weile her. Aber noch nicht sehr lange, was die typische Symptomatik anbelangte. Und dass sie wieder was trank, sah ich ja. Ihr Vorhaben, nichts mehr zu trinken war also nur ein widerborstiger Teenager-Plan gewesen, noch kein ernstzunehmendes Symptom.
„Und ich trinke auch nichts mehr. Ich bin eigentlich schon tot.“ Grete wollte mich damit schocken, aber vergaß in dem Moment, dass ich ihre Weinflasche in der Hand hielt.
Ich grinste und dann grinste sie auch.
„Okay. Du hast gewonnen. Und wo hast du die Kekse hingeschmissen?“
„Ich hab sie gegessen. Alle. Sie waren lecker.“
Grete nickte. Sie glaubte mir.
„Was ist mit euerm Fotoprojekt?“
„In einer Stunde ist die Präsentation. Luisa wird das schon machen.“
„Das heißt, du bist auch gut darin, Leute im Stich zu lassen.“ Ich sagte das ganz ruhig, ohne jeglichen Vorwurf in der Stimme. Und es wirkte. Grete blähte
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