Schattenmelodie
ist er denn in Danzig?“
„Oh, etwas angenehmer. Er stinkt zwar auch, aber er ist immerhin am Meer. Ich habe ihn damals, als die Symptome bei mir begannen, Dank ausgiebiger Recherchen gefunden.“
„Recherchen?“
„Ja. Mein Vater war doch Professor für Mythologie.“
Ich stand auf und setzte mich neben ihn in den Sand.
„Und du weißt, er hat mir immer vorgelesen. Das Interesse für Mythen und Legenden war eine Familientradition. In seiner Bibliothek gab es ein wertvolles, handgeschriebenes Buch mit Geschichten, die weitervererbt wurden. Irgendwann, Anfang des 20. Jahrhunderts, hat sie auch jemand drucken lassen. Davon existieren noch zwei Exemplare.“
„Heißt es zufällig Welt hinter der Welt ?“
„Ja, genau! Du kennst es?“
„Ich habe es beim Stöbern in der Staatsbibliothek entdeckt. Es hatte keine einzige Ausleihmarkierung. Aber als ich es endlich einmal ausleihen wollte, war es plötzlich verliehen.“
„Oh, das war dann wohl ich. Es ist die zweite der noch existierenden Ausgaben und ich wollte sie mir endlich einmal anschauen.“
Wir lächelten uns an. Was für ein schöner Zufall, dass wir beide demselben Buch in einer Bibliothek mit unzähligen Titeln auf der Spur gewesen waren.
„Ich werde dir das Buch bei Gelegenheit zeigen. Die Geschichten wurden von einem meiner Vorfahren aufgeschrieben, der eine Begabung gehabt haben muss, verschlüsselt natürlich, als Märchen für normale Menschen. Aber ich habe keine Ahnung, wer er war. Irgendein Urururgroßvater aus dem 18.Jahrhundert väterlicherseits.
Meine Eltern und meine Großeltern besaßen jedenfalls keine besonderen Fähigkeiten. Diese Märchen jedoch haben mich gerettet und mir geholfen, den Weg in die magische Welt zu finden.“
Sein Gesicht war jetzt ernst und sein Blick verlor sich weit, weit über den See. Ich spürte, dass die Erinnerung an die Zeit, bevor er in die magische Welt gelangt war, schwer auf ihm lastete. Ob er darüber reden wollte? Bestimmt würde es ihm guttun, dachte der Engel in mir.
„Wie ist alles passiert? Also, falls du es erzählen möchtest“, fragte ich vorsichtig, fast flüsternd und war erleichtert, als ich an seiner Mimik sah, dass ihn meine Frage zu freuen schien.
„Dir erzähle ich es gerne, aber … du hast den Eindruck gemacht, als wenn du es eilig hast.“
„Ja, ich wollte zu Grete.“
„Zu Grete? Zurück, in die reale Welt?“
„Sie braucht mich, sie …“ Janus unterbrach mich: „Okay. Dann begleite ich dich zum Durchgang.“ Er schien keine Erklärung zu wollen, wahrscheinlich, weil er dachte, es wäre eine Ausrede, und ich wollte in Wirklichkeit zu Tom.
„Also, wenn du nichts dagegen hast.“
Ich schüttelte den Kopf und wir machten uns auf den Weg.
Erst schwieg Janus, als suchte er nach dem richtigen Anfang. Und dann begann er zu erzählen: „Es ging los mit diesem wahnsinnigen Durst. Von Tag zu Tag wurde er unerträglicher. Du hast das sicher schon gehört vom Element Feuer.“
Ich nickte.
„Erst trank ich Unmengen Wasser. Am Anfang war es noch nicht so auffällig. Aber als ich zwei Liter zu jeder Mahlzeit wollte, schob unsere Haushälterin Maria einen Riegel vor. ‚Eine Flasche und Schluss‘, sagte sie. Sie wusste, dass ich die Geschichte gelesen hatte, in der sich Menschen in Feuerdämonen verwandeln, und war sich sicher, dass ich mir das Buch zu sehr zu Herzen nahm.“
„Sie hat dir verboten, genügend zu trinken?“
„Ja, und das machte mich natürlich aggressiv. Ich weigerte mich zu essen und drohte ihr, dass ich in ein paar Wochen achtzehn werde und dann sofort auszöge.“
„Hat es was genützt?“
„Nicht wirklich. Ich habe meist doch was gegessen, weil sie mir leidtat. Sie meinte es ja gut.“
„Und dein Vater?“
„Er wusste nichts davon. Wir redeten kaum noch miteinander und er aß allein in seinem Arbeitszimmer. Die Stimmung zwischen mir und ihm war auf einem Tiefpunkt, weißt du.“
„Warum?“
„Teenager sind nicht dafür gemacht, dauernd so zu tun, als wären sie überhaupt nicht da. Ich wollte laut Musik hören und ich hielt es nicht mehr aus, dass ich mich nur still wie ein Schatten durch das Haus bewegen durfte. Seit mein Vater ein Jahr zuvor einen Schlaganfall erlitten hatte, war es noch schlimmer geworden. Eigentlich durfte man nur noch durch das Haus schweben.“
Janus machte eine kleine Pause und atmete tief durch. Ich legte unwillkürlich meine Hand auf seinen Arm und sofort entspannten sich seine Züge ein
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