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Schwarze Blüte, sanfter Tod

Schwarze Blüte, sanfter Tod

Titel: Schwarze Blüte, sanfter Tod Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Harry Thürk
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den Anblick meines Mannes ertragen, auch wenn er tot ist!«
    So fuhr ich vor ihr her zur Leichenhalle in der Yee Street in Mong Ko, wo ich den Kameraschwenker Tim Tse kannte. Er präsentiert den Angehörigen üblicherweise auf dem Bildschirm äußerst hygienisch, steril und nervenschonend ihre teuren Verblichenen. Daß wir auf Direktbetrachtung bestanden, bekümmerte ihn, aber er fand sich damit ab.
    Er trug wieder seine gestreiften Hosen und die Mao-Jacke, was wohl in dieser Umgebung für ein der Gelegenheit angemessen feierliches Aussehen sorgen sollte. Weil er mich kannte, griff er ohne weitere Fragen nach dem Formular für die Direktbeschau und ließ es uns unterzeichnen.
    Der Tote war noch vorzeigbar. Die Schnitte waren durch Einschlagtücher geschickt verdeckt. Ich trat höflich ein paar Schritte zurück und achtete darauf, den Duft der irgendwo glimmenden Räucherstäbchen nicht gerade in vollen Zügen einzuatmen, während die Witwe stumm vor der Schublade mit dem tiefgekühlten Leichnam stand und sich bemühte, ihre Gefühle nicht zu offenbaren.
    Â»Kommen Sie«, forderte sie mich nach einer Weile auf. Sie drückte Tim Tse etwas in die Hand, das der blitzschnell in die Tasche seiner gestreiften Hose verschwinden ließ, und draußen, als aus den Bäumen, die ringsum standen, ein paar fröhliche Vogelstimmen zu hören waren, die uns aufzufordern schienen, die Welt nicht ganz ernst zu nehmen, ließ die Frau sich von mir den Weg zur Polizei beschreiben, ohne über den Toten noch eine Bemerkung zu machen.
    Weil sie sich in Hongkong nicht so gut zurechtfand, rief ich Bobby Hsiang an. Der wußte bereits, daß sie in der Stadt war und verabredete sich mit ihr auf der Hongkonger Seite des Tunnels, unweit der Mittagskanone. Von da an wollte er sie zum Präsidium im Zentraldistrikt lotsen.
    Â»Ich sehe Sie noch«, versprach sie mir, als wir uns verabschiedeten. »Emerson Choi wird wissen, wo ich zu finden bin. Oder ...« Sie zeigte mir einen Zettel, auf dem die Adresse einer Wohnung in einem dieser Türme in Tsuen Wan stand, oben in den New Territories. »Schreiben Sie es sich ab, ich konnte das Appartement günstig für einige Zeit mieten. Die Zahl an der Unterkante des Zettels ist das Telefon.«
    Während ich mein Notizbuch aus der Tasche fischte und schrieb, stellte ich einige Überlegungen über die Eigenschaften von Bürgermeisterinnen solcher Städte wie Shanghai an. Für gewöhnlich war man bei uns der Meinung, daß es sich da um ziemlich stupide Exemplare der Gattung Mao-Rezitator handelte. Irgend etwas daran konnte nicht ganz stimmen.
    Â»Ich werde mich freuen, Sie wiederzusehen«, versicherte ich der Witwe und sah zu, wie sie abfuhr. Dann atmete ich einige Male durch, bis ich den Weihrauchduft aus den Nasenlöchern hatte, worauf ich mich in den Toyota warf und in Richtung Yau Ma Tai kroch. Mir war nämlich eingefallen, daß ich erst einmal herausfinden sollte, mit wem ich es zu tun hatte.
    Nun werden Sie sagen, da handelt es sich um den ehrenwerten Tee-Exporteur Emerson Choi und seine Familie. Das ist zwar nicht absolut falsch, aber es beantwortet nur einen Teil der Frage. Denn kein ehrenwerter Geschäftsmann dieser Größenordnung in unserer Stadt steht mit seiner Familie allein auf der Welt – er ist vielmehr stets Teil einer größeren Gemeinschaft, als es seine Familie sein kann. Was heißt, daß er unweigerlich zu einem dieser Clans gehört, die man selbstverständlich nicht beim Namen nennt, die aber das tatsächliche Gewicht eines Mannes ausmachen, oder einer Familie.
    Man schließt sich zusammen, um stark zu sein. Um als Tycoon bestehen zu können. Und um in Fällen wie diesem, wo es einem nächsten Angehörigen ans Leben gegangen war, eine Antwort finden zu können. Nicht Geld allein ist es, das die Abläufe hierzulande regelt, auch Gemeinschaften gehören dazu, über die man zwar selten redet, die aber um so schlagkräftiger sind.
    Da gab es meinen Freund Charly Soong!
    Hamburger Charly wurde er nicht nur von mir genannt, weil er lange in Poor Man’s Night Club einen Bratstand von Weltruf betrieben hatte. Kein festes Etablissement etwa, das war dort auch nicht üblich gewesen, denn bei Poor Man’s Night Club handelte es sich ursprünglich tagsüber um einen riesigen Parkplatz im Nordwesten von Victoria, wo die Fähren abgehen. Nachts

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