Schwarzwaelder Dorfgeschichten
hinan, der Weg ist mehr mit Schlitten als mit Wagen befahren und hüben und drüben stehen dunkle Tannenwälder, drin der Kukuk ruft und die Holzaxt schallt. In Klaftern aufgeschichtetes Brennholz verbreitet in der Mittagssonne einen eigenthümlichen Harzduft, jetzt haben wir das Dorf erreicht und sehen, daß wir nur einen Vorhügel erstiegen, denn hinter ihm dehnen sich fast unübersehbar weit hinaus hohe Waldberge. O wie erquicklich ist es, wenn man im heißen Mittag über den Berg kommt und aus dem Wald heraustretend ein Dorf in grünen Obstbäumen vor sich sieht; da lernt man verstehen, was es heißt, sich nach dem kühlen Wein sehnen. Es ist Niemand auf der Straße, den wir nach dem besten Wirthshaus fragen können, ist aber auch nicht nöthig; dort gegenüber dem Röhrbrunnen jenes helle Haus mit dem Ziegeldache hat seinen Wegweiser, der blecherne Auerhahn mit ausgespreiztem Schweif, den es im Schilde trägt, schaut vergnüglich auf euch nieder. Er ist Alleinherrscher und kein Anderer neben ihm. Es ist ganz am Platze, daß man dem einzigen Wirthshaus im Walddorfe den Auerhahn zum Schilde gegeben, der hier noch lebendig nistet; und noch dazu gehört jetzt das Wirthshaus dem Revierförster, der es erheirathet hat, seitdem die Beamtung aufgab und sich dem einträglichern Holzhandel widmet. Wir treten in die geräumige getäfelte Stube, an deren oberem Ende ein Stück Brett in die Decke neu eingesetzt ist. Wir werden schon später erfahren, warum. Es ist Niemand daheim als das wohl kaum fünfzehnjährige Wirthstöchterlein, das emsig aus einem Buche abschreibt. Flink eilt es auf unser Geheiß in den Keller.
Die Welt ist doch schön eingerichtet für den, der Geld im Sack hat. Hier oben, wo kaum die Holzäpfel reif werden, beherbergen die guten Menschen kräftigen Unterländer Wein, der nur auf den Ruf aus lechzender Kehle wartet.
Wollt ihr wissen, was das junge Wirthstöchterlein im heißen Mittag einsam schreibt? Lächelt nur, es sind französische Vokabeln. Der Herr Revierförster (denn ein Titel stirbt nicht aus) lassen jede Woche zweimal den geschickten Lehrer von Endringen kommen, der muß das Töchterlein vorbereiten, bis er es nach dem nahen Straßburg auf ein Jahr in ein Pensionat thut.
Die geschminkte Vornehmigkeit und der deutsche Bedientengeist finden ihren Weg in die entlegensten Walddörfer.
Es hat aber damit doch noch keine Gefahr. Fragt den Mann, der jetzt mit seinem schindelnbeladenen Gefährte vor dem Wirthshaus hält und die Peitsche im Schooß einen Schoppen Most trinkt, fragt ihn nach dem Brosi, und er wird euch sagen, »das war ein alter Deutscher,« und darunter versteht man doch noch immer einen schlichten, gerechten Mann von Treu und Glauben.
Hier in der Wirthsstube hat der Brosi viele schöne Stunden verbracht, die gerippten Gläser, die dort auf dem Brette auf den Kopf gestellt sind, hingen gewiß alle schon an seinen Lippen.
Es ist hier gerade der rechte Platz, seine Lebensgeschichte zu erzählen.
Erstes Kapitel.
Seht dort den weißen Kirchthurm mit gestaffeltem Giebel, just so lang als der im Dorfe steht, ist der Brosi auch da; sie stammen auch Beide aus Einem Ort, denn die großen Quader sind in Endringen an's Tageslicht gebracht und der Brosi auch; und der Brosi hat geholfen diese Steine einfugen, und als man zum Erstenmal vom Thurm läutete, ging der Brosi mit seiner Moni in die Kirche und wurde als Ambrosius Heller mit Monika Kreitter feierlich getraut.
Damals war der Brosi noch ein frischer Bursch und hatte Backen fast so roth als wie die Purpurnelken in seinem Hochzeitstrauß; er that einen Schwur, so lange er ein Bein heben könne, auf jeder Hochzeit und jeder Kirchweih im Dorfe zu tanzen und er hat diesen Schwur ein gutes halbes Jahrhundert treulich gehalten.
Der Brosi erzählte immer gern, wie er zu seiner Frau gekommen und sagte dabei immer, er habe sie sich »ermauert«.
Endringen liegt eine gute Stunde entfernt an der jenseitigen Abdachung des zweiten Vorberges. Von dorther kam der Brosi jeden Morgen sobald der Tag graute, und wenn er über den Sieg des Forlenbaches ging, der an Haldenbrunn vorbei thalwärts rollt, – es ist ungewiß, ob der Bach seinen Namen von den Forellen in seinem Wasser oder von den Forellen an seinen Ufern hat, – da schaute Brosi jedesmal nach einem kleinen ärmlichen Häuschen, das dort neben einem kleinen dicht mit Zwetschgenbäumen besetzten und mit fuchsig gewordenen Tannenzweigen umzäunten Grasgarten steht. In dem Häuschen
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