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Schwarzwaldau

Schwarzwaldau

Titel: Schwarzwaldau Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Carl von Holtei
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Zwecke zunächst war der Bau unternommen, die Anlage der Gastzimmer als Nebensache behandelt worden. Deßhalb befanden sich deren nur zwei neben dem Saale: eines mit zwei Fenstern hatte die Aussicht nach der Straße, konnte jedoch von Reisenden nur bewohnt werden, wenn es durch die Kartenspieler des Kränzchens nicht in Anspruch genommen ward. Dieses bezogen heute Herr und Frau Reichenborn. Es stieß unmittelbar an den großen Saal. Die Betten für das ehrwürdige Ehepaar mußten erst aus dem eigentlichen, permanenten Fremden- oder: ›Passagier‹-Zimmer, in welchem deren drei den ohnedieß beschränkten Raum verengten, herüber geholt werden. Dieses hatte sich Caroline erwählt, mit der Bitte allein bleiben zu dürfen, weil sie Kopfschmerzen habe. Dieses Zimmer ging nach dem Hofraume hinaus, wohin nur ein Fenster blickte. Es hatte auch nur eine Thür und stand mit dem Saale nicht in directer Verbindung. Caroline trieb den Hausknecht und das Dienstmädchen an, die schweren, altmodischen Bettgestelle so rasch wie möglich fortzuschaffen, holte sich dann ihr Nachtzeug, wünschte den Eltern ›wohl zu speisen und wohl zu schlafen‹ in einem Athmen und eilte, sich in ihre Einsamkeit zurückzuziehen, deren Bedürfniß so mächtig war, daß sie sich einsperrte. Hatte sie doch viel zu denken: der anonyme Brief wirkte nach. Sie schloß nun das Fenster, welches sie beim ersten Eintritt aufgerissen, weil ihr ein Modergeruch, wie er in derlei nicht gelüfteten Gastzimmern gewöhnlich vorherrscht, entgegen gedrungen. Dann fing sie an, sich langsam zu entkleiden, wobei sie häufig inne hielt und Minuten-lang regungslos, sinnend stehen blieb. Dabei rückte der Abend heran. Kerzen hatte man ihr auf den Nachttisch gestellt. Sie schlug Feuer, brannte einen langen Schwefelfaden am glimmenden Zunder an und machte Licht. Drüben war es bereits still geworden. Die Wirthin hatte die letzten Teller und Geräthschaften herabgeholt. Nach und nach verhallte auch das Geräusch in Küche, Flur, Hofraum. Die Neuländer liebten es, an Werkeltagen mit den Hühnern schlafen zu gehen.
    Caroline spürte noch keinen Schlaf. Sie setzte sich, halb entkleidet wie sie war, in das kleine, dick und hart ausgepolsterte Canapee und nahm den räthselhaften Brief noch einmal vor, den sie längst auswendig wußte:
    »Nur ein tückischer Gegner kann ihn geschrieben haben, das ist außer Zweifel; dennoch ist es möglich, daß er Wahrheit enthält? Aber wenn der boshafte Schreiber mich dadurch von ihm trennen wollte, so hat er seine Absicht verfehlt, hat es unklug angefangen. Er hätte jenes Weib mir als jung, oder doch reizend, verführerisch darstellen, hätte mir den Argwohn erregen müssen, daß Gustav sie lieben könne! Dadurch, daß er ihn anklagt, sich ihr verkauft zu haben, bloß um uns nach Prag folgen, mich dort zu erreichen, wird ja nur bewiesen, wie viel ihm an mir lag; wie der Wunsch, mein Gatte zu werden, ihn zum Aeußersten trieb!? Es ist grauenhaft zu denken; ja, mich schaudert, wenn ich mir sage, daß er aus den Armen der Abscheulichen, Unwürdigen in die meinigen eilte; – mich schaudert . . . und dabei empfind' ich eine unbeschreibliche Wonne, die meine Sehnsucht steigert, die mich taumeln macht, weil sie mich zugleich mit Zorn erfüllt. Er soll gestehen! Alles, Alles reuig gestehen. Und er wird! O, daß ich ihn hier hätte, bei mir! Daß ich in ihn dringen könnte, mit meiner Liebe Gluth, meinen gerechten Vorwürfen, meiner hingebenden Verzeihung! Nein, die schändliche Anklage vermag nicht, mich von ihm loszureißen; sie wühlt nur, wie dumpfer Schmerz in meinem Busen, aber dieser Schmerz vermehrt meine Leidenschaft! Sie sei vernichtet!«
    Caroline hielt das Blatt an die Flamme der Talgkerze. Es loderte auf, es verwandelte sich in Asche, aus der einzelne Funken leuchteten. Zwei derselben überdauerten die übrigen, früher verlöschenden. »Das bin ich, das ist er,« – sagte sie, des kindischen Küsterspieles gedenkend, – »wer überlebt den Andern? wessen Liebe dauert länger?« – Kaum hatte sie's gesagt, da war er verschwunden und sie glimmte noch lange.
    Sie saß, den Kopf auf die Hand gestützt, über die vor ihrem heißen Athem verwehende Asche gebeugt. Sie blies darein. Das kleine Häuflein zerstiebte.
    »Asche – Staub« – murmelte sie – »und brannte doch so hell! Und verzehrte sich so rasch in der Flamme!«
    Sie saß in bange Begierden, in süße Qualen versenkt.
    »Regnet es denn? Der Himmel war ja rein und blau, die

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