Sean King 04 - Bis zum letzten Atemzug
geöffnet. Jetzt, kurz bevor sie zu Arbeit ging, hatte sie sich ein paar Augenblicke Zeit genommen, den kleinen Stapel durchzugehen.
Auf dem Brief in ihrer Hand fand sich kein Absender. Als sie sich den Poststempel ansah, schüttelte sie verwirrt den Kopf. Sie kannte niemanden in Kentucky. Sie drehte den Umschlag um. Es war weder ein geschäftlicher Brief noch Werbung. Es war bloß ein schlichter weißer Briefumschlag. Und außer Papier war da noch etwas drin.
Shirley öffnete den Brief mit dem kleinen Finger. Im Inneren fand sie ein Blatt Papier und einen kleinen Schlüssel. Nachdem sie sich den Schlüssel genauer angeschaut hatte - im Metall waren ein paar Zahlen eingraviert -, wandte sie sich dem Brief zu. Er war mit Maschine geschrieben und nicht an sie adressiert. Shirley schlug die Hand vor den Mund, als sie sah, für wen der Brief bestimmt war. Sie las die Worte und steckte ihn dann rasch zusammen mit dem Schlüssel zurück in den Umschlag. Einen langen Augenblick stand sie einfach nur da. Solche Dinge dürften Menschen wie ihr eigentlich gar nicht passieren.
Aber sie konnte nicht einfach so hier stehen bleiben. Shirley streifte sich ihren Mantel über und verließ ihr kleines Haus. Mit dem Bus fuhr sie in die Stadt. Sie schaute auf ihre Uhr. Shirley war stolz auf ihre Pünktlichkeit. Sie kam nie zu spät zur Arbeit, doch heute wollte ein Teil von ihr nicht gehen, nicht mit diesem Brief in der Tasche. Sie grummelte weiter vor sich hin, als sie zum Eingang und durch die Sicherheitsschleuse ging. Leuten, die sie kannte, nickte sie freundlich zu.
Schließlich betrat Shirley die Küche, zog ihren Mantel aus und hing ihn auf. Sie wusch sich die Hände und wandte sich ihrem Job als Köchin zu. Immer wieder schaute sie auf die Uhr und beobachtete, wer kam und ging. Sie versuchte, den Leuten nicht in die Augen zu sehen; stattdessen nickte sie nur, wenn jemand sie begrüßte. Shirley wusste nicht, was sie tun sollte. Jeder Gedanke, der ihr durch den Kopf ging, war schlimmer als der vorherige. Konnte man sie dafür ins Gefängnis stecken? Aber sie hatte doch nichts getan, außer ihre Post zu öffnen. Doch würde man ihr glauben? Dann kam ihr ein weiterer schrecklicher Gedanke. Was, wenn sie glaubten, sie habe den Brief von hier gestohlen? Aber halt ... Das war unmöglich. Auf dem Umschlag stand ihre Adresse, nicht die von hier.
Irgendwann wirkte Shirley dermaßen nervös, dass ihr Chef sie fragte, was los sei. Zuerst versuchte sie, die Wahrheit zu verbergen, schaffte es aber nicht. Sie holte den Brief aus der Tasche und zeigte ihn dem Mann. Er las ihn sich durch, schaute sich den Schlüssel an und blickte Shirley dann scharf an.
»Verdammt«, sagte er.
»Er ist an sie gerichtet«, erklärte Shirley.
»Sämtliche Post, die hier reinkommt, muss zuerst überprüft werden. Das wissen Sie«, tadelte der Mann.
»Aber er ist ja nicht hier reingekommen, oder?«, schoss Shirley zurück. »Er ist in mein Haus gekommen. Es gibt kein Gesetz, das mir verbietet, meine eigene Post zu öffnen.«
»Woher wussten die, dass sie den Brief an Sie schicken müssen?«
»Woher soll ich das wissen? Ich kann doch niemanden davon abhalten, mir einen Brief zu schicken.«
Dem Mann kam ein Gedanke. »Da war doch kein weißes Pulver drin, oder?«
»Glauben Sie, dann wäre ich hier? Ich bin nicht dumm, Steve. Es war nur der Brief. Und dieser Schlüssel.«
»Aber Sie könnten Fingerabdrücke verwischt haben.«
»Woher soll ich das wissen? Ich habe es doch erst gesehen, als ich ihn geöffnet habe.«
Steve rieb sich das Kinn. »Er ist tatsächlich an sie gerichtet.«
»Der Brief ja, aber nicht der Umschlag. Aber ich kann ihn ihr nicht bringen. Das darf ich nicht. Das wissen Sie doch, oder?«
»Jaja«, erwiderte Steve ungeduldig.
»Was soll ich jetzt tun?«
Steve zögerte; dann schlug er vor: »Die Polizei?«
»Sie haben doch gelesen, was da steht. Wollen Sie, dass sie stirbt?«
»Verdammt! Warum haben Sie mich da reingezogen?«, beschwerte sich Steve und senkte die Stimme, als andere Küchenbedienstete den Raum betraten. Er sah aus, als wäre er am liebsten in den Weinkeller des Weißen Hauses gestürmt und hätte sich dort bedient. Seine Auswahl wäre allerdings begrenzt gewesen. Seit Gerald Ford lagerten dort ausschließlich amerikanische Weine.
»Wir müssen etwas tun«, zischte Shirley. »Wenn jemand herausfindet, dass ich den Brief bekommen und dann nichts unternommen habe ... Ich will ihr Blut nicht an meinen Händen haben.
Weitere Kostenlose Bücher