Sexy Sixty - Liebe kennt kein Alter -
besonders der hormonelle - und dann auch bald der echte in der Hand, nach einem Blick ins ältere Antlitz. Keiner will sich mehr sooo genau angucken.
Nehmen wir uns die Natur einmal vor. Sie wird als Frau dargestellt und Mutter genannt! Also kann sie nicht frauenfeindlich sein, oder? Na ja, Frauen sind auch launisch, rachsüchtig und nicht immer die besten Freundinnen oder Mütter.
Vielleicht ist auch Mutter Natur hormongesteuert! Und ist nach zu viel Sex mit den Herren Herbst und Winter (Frühling und Sommer sind weiblich, meiner Meinung nach) mit Stürmen, Blitzen, Überschwemmungen und so weiter zu dem Schluss gekommen, dass irgendwann einmal Schluss sein muss mit Drama, Eros und zu viel Leidenschaft. Sie hat sich also etwas dabei gedacht, als sie dafür gesorgt hat, dass
Frauen mit sechzig endlich einmal etwas zur Ruhe kommen. Wer braucht pulsierendes Verlangen beim Anblick jedes attraktiven Mannes, schlaflose Nächte, Eifersüchteleien und all den anderen Unsinn, der jungen Frauen das Leben schwermacht?
Am interessantesten finde ich die Frage nach der individuellen sexuellen Persönlichkeit, die jeder besitzt. Verlieren wir wirklich total die Vitalität und Kraft, die Sex darstellt, ihre grundsätzliche Essenz, nur weil wir älter werden? Und ist denn nicht auch bei Sexualität irgendwann ein natürliches Ende vorprogrammiert? Ist es nicht ein Teil des Loslassens dieses Teils von dir, der einmal blühte und forderte und heiß und ungeduldig war? Vielleicht altert unsere Sexualität einfach in demselben Stil wie der Rest von uns.
Oder bleibt sie so, wie sie immer war? Kann aus einer ehemals schüchternen und nüchternen, wenig lustbetonten Frau im Alter eine fröhlich vögelnde Liebhaberin werden? Oder wird aus einer wilden und leidenschaftlichen, nahezu promisken Sexsirene unter Umständen eine zurückhaltende und sexuell wenig aktive Mittsechzigerin?
Wir ändern uns nicht groß im Alter, wir werden nur mehr wir selbst, sagt man - sicherlich eine große Wahrheit.
Ich glaube auch, dass es einen Teil in einem selbst gibt, der sich NIE ändert - wohl der Teil, der unversehrt geblieben ist und sich selbst spiegeln kann.
Unsichtbar
Ich stelle allerdings bald darauf fest, dass ich mich nur zu gern auch von Männern gespiegelt sehen will, auch da hat sich meine Eitelkeit nicht geändert. Ich stehe an der Kasse bei Lidl (ja, das vermeide ich sonst!), und da steht er . Wirklich. Es hört sich wie ein Klischee an, aber ich bin sofort Feuer und Flamme.
Groß, schlank, dichtes, leicht lockiges, längeres Haar in einem fantastischen Dunkelgrau. Wie ein schicker Wolf sieht er aus und ist so alt wie ich, nehme ich an. Bartstoppeln, tiefe Kerben um den Mund, schmales Gesicht, graue intelligente Augen. Er trägt alte Jeans, einen Wollpullover mit Reißverschluss und abgetragene Arbeiterstiefel. Künstler nehme ich an. Sexy.
Er hat nur einen riesigen Charakterfehler. Er guckt mich nicht an! Wie kann das sein? Ich bin genau sein Typ, ich weiß das. Ich lege meine Biomöhren auf das Laufband, die hatte ich nämlich vergessen und war schnell noch einmal von zu Hause losgerannt. Eigentlich bin ich jemand, der sich auch zum Einkaufen etwas zurechtmacht - Lippenstift, Ohrringe und so weiter -, aber ich hatte keine Zeit. Ich habe allerdings eine witzige kleine Kappe auf.
Ich lehne mich also lässig gegen das Laufband und gucke wie zufällig rüber. Leicht gelangweilt. Jetzt müsste er mich aber sehen! Nein, er guckt nach vorne.
Aufs Laufband werde ich mich nicht stellen und einen kleinen Stepptanz hinlegen. Der Mann soll mich ansehen, verflucht, innehalten wie vom Donner gerührt, sein Herz soll einen Extrasprung machen, der ihn überrascht, weil auch er in diesem späten Lebensabschnitt damit nicht mehr rechnet. Wir bleiben stehen, gehen aufeinander zu, Herzen klopfen …
»Gehört der Quark auch noch Ihnen?«, durchschneidet die Stimme der Kassiererin dieses schöne Szenario.
Was für ein Loser, denke ich. In Wirklichkeit greift die kalte Hand der Erkenntnis an meine Brust. Irgendwann, irgendwie wird man über weite Strecken unsichtbar. Nicht witzig und machtvoll unsichtbar wie Comicstripfiguren, die die Welt retten und sich mit Tricks wieder sichtbar machen können, nein, Frau-über-sechzig-unsichtbar, kein-Sexobjekt-mehr-unsichtbar. Wieder dorthin geschoben, von wo man als junge Frau in der Emanzipationsbewegung der ersten Stunde endlich ausgebrochen war - in die hintersten Reihen.
Das schlimmste Erlebnis im
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