Shannara I
versonnen. »Ich hatte die Geschichte schon Jahre nicht mehr gehört und sie auch nicht geglaubt. Nun taucht sie aus der Vergessenheit plötzlich wieder auf, zusammen mit meinem alten Freund Shea Ohmsford als rechtmäßigem Erben. Bist du es wirklich?« Er hob den Kopf. »Du könntest auch nur ein Lockvogel sein, ein Köder für diese Wesen aus dem Nordland. Woher haben wir Gewißheit über Allanon? Nach allem, was du mir erzählt hast, erscheint er beinahe so gefährlich wie diese Wesen, die dich verfolgen - vielleicht gehört er zu ihnen.«
Flick zuckte zusammen, aber Shea schüttelte entschieden den Kopf, wobei er sagte:
»Ich kann das einfach nicht glauben. Es ergibt keinen Sinn.«
»Mag sein«, erwiderte Menion nachdenklich. »Mag sein, daß ich alt und argwöhnisch werde. Aber du mußt zugeben, die ganze Geschichte hört sich sehr unglaubwürdig an. Wenn sie zutrifft, kannst du von Glück sagen, auf eigene Faust bis hierher gekommen zu sein. Es gibt sehr viele Geschichten über das Nordland, über das Böse, das in der Wildnis über den Streleheim-Ebenen lauert-Macht, heißt es, über die Fassungskraft jedes sterblichen Wesens hinaus…« Er griff nach seinem Weinglas. »Das Schwert von Shannara. Schon die hauchdünne Möglichkeit, die Legende könnte wahr sein, genügt, um…« Er schüttelte den Kopf und grinste plötzlich. »Wie kann ich mir die Gelegenheit versagen, das herauszufinden? Ihr braucht einen Führer, der euch zum Anar bringt, und ich bin der richtige Mann dafür.«
»Ich wußte es.« Shea griff nach seiner Hand und drückte sie. Flick ächzte leise, lächelte aber gezwungen. Menion sagte:
»Also, wir wollen einmal sehen, wo wir stehen. Was ist mit diesen Elfensteinen? Zeig sie mir!«
Shea zog den kleinen Lederbeutel heraus und schüttete den Inhalt in seine Hand. Die drei Steine funkelten im Fackellicht in leuchtendem, dunklem Blau. Menion griff nach einem der Steine.
»Sie sind wirklich wunderschön«, sagte er. »Ich wüßte nicht, wann ich dergleichen einmal gesehen hätte. Aber wie sollen sie uns helfen?«
»Keine Ahnung«, räumte Shea ein. »Ich weiß nur, was Allanon uns gesagt hat - daß die Steine nur im Notfall gebraucht werden dürfen und daß sie große Kraft besäßen.«
»Nun ja, ich hoffe, daß er recht hat«, antwortete Menion. »Ich würde ungern erleben, daß er sich geirrt hat. Aber mit dieser Möglichkeit werden wir uns abfinden müssen.« Er sah zu, wie Shea die Steine in den Beutel zurücklegte und diesen wieder einsteckte. »Von jenem Balinor weiß ich etwas«, fuhr er dann fort. »Er ist ein sehr guter Soldat - ich zweifle, ob wir im ganzen Südland einen besseren finden würden. Von den Soldaten Callahorns wärst du besser geschützt als von den Wald-Zwergen des Anar. Ich kenne die Straßen nach Tyrsis, die alle ungefährlich sind. Aber fast jeder Weg zum Anar führt direkt durch die Schwarzen Eichen - nicht der sicherste Ort im Südland, wie du weißt.«
»Allanon hat uns geheißen, zum Anar zu gehen«, erklärte Shea entschlossen. »Er muß einen Grund dafür gehabt haben, und bis ich ihn wiederfinde, lasse ich mich auf nichts anderes ein. Außerdem hat uns auch Balinor geraten, Allanons Anweisungen Folge zu leisten.«
Menion zuckte die Achseln.
»Das ist bedauerlich, denn selbst wenn wir glücklich durch die Schwarzen Eichen gelangen, kenne ich das Land dahinter nicht sehr gut. Bis zu den Anar-Wäldern soll es praktisch unbesiedelt sein. Die wenigen Bewohner sind Südländer und Zwerge, die uns kaum gefährlich werden dürften. Culhaven ist ein kleiner Zwergen-Ort am Silberfluß im unteren Anar - ich glaube nicht, daß es uns schwerfallen wird, ihn zu finden, wenn wir so weit kommen. Aber zuerst müssen wir durch das Tiefland von Clete, das wegen der Schneeschmelze jetzt besonders gefährlich ist, und dann durch die Schwarzen Eichen. Das wird am schwierigsten.«
»Gibt es denn keinen Umweg?« fragte Shea.
Menion füllte sein Glas und reichte die Karaffe an Flick weiter.
»Es würde Wochen dauern. Nördlich von Leah liegt der Regenbogen-See. Wenn wir diesen Weg nehmen, müssen wir den ganzen See nach Norden durch das Runne-Gebirge umgehen. Die Schwarzen Eichen erstrecken sich vom See hundert Meilen weit nach Süden. Wenn wir nach Süden gehen und auf der anderen Seite wieder nach Norden kommen, dauert das mindestens zwei Wochen - und es gibt unterwegs keine Deckung. Wir müssen also nach Osten durch das Tiefland und dann durch die Eichen.«
Flick
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