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Shardik

Titel: Shardik Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Adams
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gibt, daß sie ihn lieber nicht betrügen sollen. Doch jenseits des klar erkennbaren geistigen Vordergrunds merkte er, was er schon längst gemerkt hatte: das tiefere, geheimnisvollere Feld ihrer Kraft – wie er auch wußte, daß sogar der arme mörderische Ruvit es spürte, so wie ein Hund das Vorhandensein von Freude oder Schmerz in einem Haus spürt. Sie war nicht nur beherrscht von dem Privileg als Priesterin, Pilgerin und Ärztin, sondern auch von dem, was ihr das Mysterium, dessen Dienerin sie war, verliehen hatte – durch die Macht, die er schon gefühlt hatte, bevor er sie noch getroffen, als er zusammengesunken im Dunkel in dem nach Quiso treibenden Kanu gesessen hatte. Kein Wunder, dachte er, daß Ta-Kominion gestorben war. Kein Wunder, daß der wilde, leidenschaftliche Ehrgeiz, der ihn für die ihr innewohnende Kraft blind machte, ihn auch unheilbar vergiftete.
    Er begann darüber nachzudenken, wie er wohl sterben würde. Er hatte gehört, daß manche ihr Leben jenseits des Vrakos so lange hinausgezogen hatten, bis der auf ihren Kopf ausgesetzte Preis und sogar die Art ihrer Verbrechen in Vergessenheit geraten waren, und nur ihre eigene Verzweiflung und ihr verwirrter Verstand verhinderten ihre Rückkehr in Städte, wo es niemanden mehr gab, der sich dessen erinnern konnte, was sie verbrochen hatten. Ein solches Überleben war nichts für ihn. Wenn er nur Shardik finden könnte, würde der endlich sein ihm so oft angebotenes Leben annehmen, ehe ihn der nichtswürdige Wunsch, um jeden Preis zu überleben, in eine Kreatur wie Ruvit verwandeln konnte.
    Verloren in diesen Gedanken, hörte er wenig oder nichts von dem, was zwischen Ruvit und der Tuginda vorging, während sie die Mahlzeit fertigkochte. Er merkte undeutlich, daß Ruvit, obgleich er still geworden war, doch noch Angst vor der einbrechenden Dunkelheit hatte und daß die Tuginda ihn beruhigte. Er fragte sich, wie lange der Mann wohl schon hier lebte, allein dem Einbruch der Nacht Trotz bieten mußte, und was ihn veranlaßt haben mochte, dieses Leben – ein gewiß sogar für einen Flüchtling jenseits des Vrakos hartes Leben – als einziges zu wählen, das er zu führen wagte.
    Nach einiger Zeit brachte ihm die Tuginda das Essen, und als sie es ihm gab, legte sie einen Augenblick ihre Hand auf seine Schulter. Er sagte noch immer nichts, nickte nur unglücklich, unfähig, ihrem Blick zu begegnen. Doch als er gegessen hatte, faßte er, wie es eben so geht, unwillkürlich wieder ein wenig Mut. Er setzte sich näher zum Feuer, betrachtete die Tuginda, wie sie Ruvits Augenausfluß abtupfte und seine Augen mit einem Kräuterabsud badete. Mit ihr war er still und zugänglich und glich zeitweilig fast dem, was er vielleicht gewesen wäre, wenn das Böse ihn nicht verzehrt hätte – vielleicht ein anständiger, dummer Viehtreiber oder ein geplagter Schankkellner in einer Kneipe.
    Sie schliefen gezwungenermaßen in ihren Kleidern auf dem Fußboden, die Tuginda beklagte sich nicht über den Schmutz und die Unbequemlichkeit, nicht einmal über das Ungeziefer, das ihnen keine Ruhe ließ. Kelderek schlief nur wenig, er mißtraute Ruvit, seiner selbst und der Tuginda wegen, aber der arme Tropf schien eher zufrieden mit der Aussicht, eine Nacht frei von seinen abergläubischen Befürchtungen schlafen zu können, denn er regte sich nicht bis zum Morgen.
    Bald nach Sonnenaufgang blies Kelderek das Feuer an, fand einen Holzeimer und machte sich, froh, in die frische Luft zu kommen, auf den Weg zum Ufer, wusch sich und kehrte mit Wasser für die Tuginda zurück. Er konnte sich nicht entschließen, sie zu wecken, sondern ging wieder hinaus in die erste Sonne. Sein Entschluß war unverändert. Er sah nun in sich eine Kluft, wie jene, in die er von der Ebene in Urtah gestarrt hatte. Das lästerliche, von Ta-Kominion an der Tuginda begangene Unrecht, an dem er teilgenommen hatte, war nur ein Teil des umfassenden, weiterreichenden, von ihm begangenen Frevels – die Sünde gegen Shardik selbst und alles, was darauf gefolgt war. Rantzay, Mollo, Elleroth, die in Bekla in die Sklaverei verkauften Kinder, die toten Soldaten, deren Stimmen im Dunkel um ihn erschollen waren – sie kamen ihm drängend, rauh und schrill wieder ins Gedächtnis, während er am Fluß stand. Es fiel ihm wieder ein, wie im Tamarriktor, als es schließlich einstürzte, in der Mitte eine große Bresche entstanden war, von der strahlenartig splitternde Sprünge und Spalten ausgingen und Bruchstücke

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