Shardik
ein strenges Geheimnis, das von einer Generation zur nächsten vererbt wird, und die Furcht davor ist so groß, daß ich noch von niemandem gehört habe, der gewagt hätte, in diese Mysterien einzudringen. Obzwar ich aber, gottlob, die Streels nie gesehen habe, weiß ich ein wenig darüber – das wenige, das mir gesagt wurde, weil ich die Tuginda von Quiso bin.
Wie tief die Streels sind, weiß niemand, denn noch keiner ist jemals in ihre Tiefen hinabgestiegen und wieder zurückgekehrt. Manche sagen, es seien die Zugänge zur Hölle, durch welche die Seelen der Gottlosen sie betreten. Man sagt auch, daß es genüge, hinunterzublicken und laut zu rufen, um Qualen auszulösen, die einen Menschen zum Wahnsinn treiben.«
Kelderek nickte, sein Blick war auf sie geheftet. »Es ist wahr.«
»Und niemand weiß, wie alt der Kult ist oder was angebetet wird. Eines aber kann ich dir sagen: immer schon, seit Jahrhunderten, war es ihr Mysterium von Urtah, das Strafe über die Gottlosen brachte – das heißt über die, für welche eine solche Vergeltung von Gott bestimmt worden war. Viele sind böse, das weißt du ja, aber nicht alle Bösen finden den Weg zu den Streels. Darum handelt es sich bei diesem schrecklichen Vorgang – so habe ich ihn zumindest stets verstanden. Der Übeltäter ist ein Mensch, dessen Verbrechen zum Himmel schreit, für den es keine Gutmachung, kein Vergessen gibt, ein Mensch, dessen weiteres Leben die Erde entweiht. Und er scheint immer durch irgendeinen Zufall nach Urtah zu gelangen: er weiß nicht, in was für einen Ort ihn seine Reise geführt hat. Ob er in Begleitung oder allein kommt, immer glaubt er, es sei ein Zufall oder eine eigene Angelegenheit, was ihn nach seinem freien Willen nach Urtah geführt hat. Doch jene, die dort wachen – die ihn kommen sehen –, sie erkennen ihn als das, was er ist, und wissen, was sie zu tun haben.
Sie sprechen freundlich mit ihm und behandeln ihn höflich, denn wie abscheulich sein Verbrechen auch sein mag, es ist nicht ihre Pflicht, ihn zu hassen, so wenig wie der Blitz den Baum haßt. Sie sind nur Gottes Bevollmächtigte. Und sie werden ihn auch nicht überlisten. Der Ort muß ihm gezeigt und er muß gefragt werden, ob er dessen Namen kennt. Nur wenn er ›Nein‹ antwortet, überreden sie ihn, zu den Streels zu kommen. Sogar dann muß er – «
Plötzlich brach sie ab und bückte zu Kelderek hin.
»Warst du in dem Streel?«
»Nein, Saiyett. Wie ich dir sagte, ich – «
»Was du mir gesagt hast, weiß ich. Ich frage dich – bist du sicher, daß du nicht im Streel warst?«
Er starrte sie stirnrunzelnd an, dann nickte er. »Ich bin dessen sicher, Saiyett.«
»Er muß aus eigenem Antrieb den Streel betreten. Sobald er das getan hat, vermag ihn nichts mehr zu retten. Es ist dann ihre Aufgabe, ihn zu töten und seine Leiche in die Tiefen des Streels zu werfen.
Manche von denen, die dort starben, waren Männer von Rang und Macht, aber alle waren einer Tat schuldig, deren Schlechtigkeit und Grausamkeit bis ins Tiefste das Gemüt der Menschen bewegt, die davon hören. Du hast gewiß von Hypsas gehört, denn er kam aus Ortelga.«
Kelderek schloß die Augen und schlug mit einer Hand auf sein Knie. »Ich erinnere mich. Walte Gott, ich täte es nicht.«
»Wußtest du, daß er in den Streels starb? Er wollte nach Bekla oder vielleicht nach Paltesh fliehen, aber er kam nach Urtah.«
»Das wußte ich nicht. Man erzählt nur, er sei verschwunden.«
»Was ich dir gesagt habe, wissen nur sehr wenige – zumeist Priester und Herrscher. Es gab einen König Manvarizon in Terekenalt, er war der Großvater von König Karnat dem Großen. Er verbrannte lebendigen Leibes die Frau seines toten Bruders, zusammen mit ihrem kleinen Sohn, seinem Neffen, dem rechtmäßigen König, dessen Leben und Thron er zu verteidigen geschworen hatte. Fünf Jahre später war er an der Spitze seines Heeres in der Ebene von Bekla und kam mit einigen Begleitern nach Urtah, in der Absicht, wie er glaubte, dieses Land für sich auszuspionieren. Er lief schreiend in den Streel, nur vor einem Hirtenknaben fliehend, der Schafe trieb – oder vielleicht vor einem anderen Knaben, den niemand anders sehen konnte. Sie sahen, wie er sein Schwert zog, aber er warf es beim Laufen zu Boden, und dort liegt es vermutlich noch heute, denn es wird nichts, was einem Opfer gehört, je genommen, begraben oder vernichtet.«
»Du sagst, daß alle, die die Streels betreten, sterben müssen?«
»Ja, von dem
Weitere Kostenlose Bücher