Shardik
gesprochen?«
»Ich sprach mit Elleroth aus Sarkid, der mir erzählte, wie es ihm gelang, aus Bekla zu entfliehen. Er war mir gut gesinnt, weil ich vor einiger Zeit den Mann seiner Schwester, der eine Blutvergiftung am Arm hatte, kurierte. Er erzählte mir auch, daß unser Herr Shardik im Vorgebirge nördlich von Kabin zwei Tage zuvor den Vrako überquert hatte.«
»Du sagst, Elleroth habe dich als Freundin behandelt – und dennoch ließ er dich allein, ohne Begleitung über den Vrako gehen?«
»Er weiß nicht, daß ich den Vrako überquert habe. Elleroth war freundlich zu mir, aber in einem Punkt konnte ich bei ihm nichts erreichen. Er wollte mir keine Hilfe geben, um unseren Herrn Shardik zu finden oder ihm das Leben zu retten. Für ihn und seine Soldaten ist Shardik nichts anderes als der Gott ihrer Feinde und all dessen, wogegen sie kämpfen.« Sie brach ab, dann fügte sie mit leicht zitternder Stimme hinzu: »Er sagte – der Gott der Sklavenhändler.«
Kelderek war schlimmer betroffen, als er es je für möglich gehalten hätte.
»Er erzählte mir von seinem Sohn«, fuhr die Tuginda fort, »und danach bat ich ihn um nichts mehr. Er sagte mir auch, einige seiner Soldaten hätten unseren Herrn Shardik im Gebirge getroffen und seien überzeugt, daß er sterben werde. Ich fragte ihn, warum sie ihn nicht getötet hätten, und er antwortete, sie hätten den Versuch nicht gewagt. Deshalb glaube ich nicht, daß unser Herr Shardik im Sterben liegt.«
Darauf wollte er etwas sagen, aber sie fuhr fort:
»Ich hatte gehofft, Elleroth würde mir einige Soldaten geben, um uns über den Vrako zu begleiten, als ich aber sah, daß es zwecklos wäre, ihn darum zu ersuchen, ließ ich ihn im Glauben, wir wollten nach Quiso zurückkehren, denn er hätte mich gewiß den Vrako nicht allein überqueren lassen.«
»Aber wollte denn keines der Mädchen mit dir kommen, Saiyett?«
»Glaubst du, ich würde sie in dieses Land mitnehmen – in die Teufelsküche der Welt? Sie flehten mich an, sie mitzunehmen. Ich trug ihnen auf, nach Quiso zurückzukehren, und das taten sie, da sie eidlich verpflichtet sind, mir zu gehorchen. Dann bestach ich die Wächter an der Furt und machte mich nach Überquerung des Flusses auf den Weg nach Norden, wie du.«
»Wohin willst du nun gehen, Saiyett?«
»Ich glaube, daß Shardik versucht, in seine Heimat zurückzukehren. Er ist auf dem Weg zum Telthearna und wird ihn überqueren, wenn er kann. Deshalb gehe ich nach Zeray, um Helfer zu holen, die mich bei der Suche nach ihm am Westufer unterstützen sollen. Oder falls er schon über den Telthearna geschwommen sein sollte, erfahren wir es vielleicht in Zeray.«
»Vielleicht hatte Elleroth recht. Es wäre möglich, daß Shardik tatsächlich im Sterben liegt, denn er wurde, nachdem er Bekla verlassen hatte, noch einmal bösartig und grausam verwundet.«
Sie verstummte, wandte sich um und starrte zu ihm hoch. »Hat Elleroth dir das gesagt?«
Er schüttelte den Kopf.
Sie setzte sich, sagte aber nichts mehr, sondern blickte ihn nur unsicher und fragend an. Nach Worten suchend rief er aus:
»Saiyett, die Streels von Urtah – was ist ihr Geheimnis und ihre Bedeutung?«
Da stöhnte sie kurz und leise, wie vor Schrecken und Niedergeschlagenheit; doch dann faßte sie sich und entgegnete: »Sag mir lieber, was du selbst weißt.«
Er erzählte ihr, wie er Shardik aus Bekla gefolgt war und von der Durchquerung der Ebene. Sie lauschte schweigend, bis er zu dem Abenteuer in Urtah kam, aber als er von seinem Erwachen sprach und schilderte, wie der verwundete Shardik aus dem Streel kletterte und seine Angreifer zerstreute, begann sie bitterlich zu weinen und schluchzte laut, wie Frauen, die um Tote trauern. Erschrocken über den leidenschaftlichen Schmerz einer Frau, von der er sich bisher nur vorgestellt hatte, daß sie ihr Zepter über alle Übel hielt, welche die Herzen der Menschen befallen, wartete er mit hoffnungsloser, bleierner Geduld. Er wollte sich nicht erdreisten, sie in ihrem Schmerz zu stören, denn er merkte, daß der aus einem bitteren Wissen entsprang, an dem nun auch er teilhaben sollte.
Endlich wurde sie ruhiger und begann zu sprechen; ihre Stimme klang wie die einer Frau, die von einem schrecklichen Verlust erfahren hat und begreift, daß ihr Leben von nun an nur ein Warten auf den Tod sein wird.
»Du hast mich nach den Streels von Urtah gefragt, Kelderek. Ich werde dir sagen, was ich weiß, obgleich es wenig genug ist, denn der Kult ist
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