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Shardik

Titel: Shardik Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Adams
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Schwein.
    Sie hatten an jenem Abend einen Erfolg gehabt. Einige Tage zuvor war eine Leiche mit ein wenig Geld an Land geschwemmt worden, und zwei von Glabrons Leuten waren landeinwärts gegangen und mit einem Schaf zurückgekehrt. Den größten Teil aßen sie selbst, aber ein Stück tauschten sie gegen Getränke ein. Glabron wurde so betrunken, daß ich mehr Angst hatte denn je zuvor. In Zeray ist das Leben eines Mannes nie mehr in Gefahr, als wenn er betrunken ist. Ich kannte seine Feinde und erwartete jeden Augenblick, einen oder mehrere von ihnen eintreten zu sehen. Es war dunkel genug im Raum – Lampenlicht ist hier ein seltener Luxus –, aber plötzlich bemerkte ich, daß zwei Fremde eintraten. Der eine hatte sein Gesicht fast völlig im Kragen eines großen Pelzmantels vergraben, und der andere, ein riesiger Mann, blickte mich an und flüsterte ihm etwas zu. Sie waren nur zwei gegen Glabrons sechs oder sieben, aber ich wußte, was in dem Lokal passieren konnte, und wollte unbedingt fort.
    Glabron sang ein gemeines Lied – oder er glaubte es zu singen –, und ich zupfte ihn am Ärmel und unterbrach ihn. Er sah sich kurz um, dann schlug er mich mit dem Handrücken ins Gesicht. Er wollte weiterschlagen, als der vermummte Fremde zu dem Tisch kam. Er hielt sich noch immer den Mantel vors Gesicht, und nur eines seiner Augen war über dem Rand sichtbar. Er stieß mit dem Fuß an den Tisch; der wackelte, so daß alle zu ihm hochblickten.
    ›Mir gefällt dein Lied nicht‹, sagte er auf beklanisch zu Glabron. ›Mir gefällt nicht, wie du dieses Mädchen behandelst; und du gefällst mir auch nicht.‹
    Sobald er sprach, wußte ich, wer er war. Ich dachte: ›Ich kann es nicht ertragen.‹ Ich wollte ihn warnen, brachte aber kein Wort heraus. Glabron antwortete eine Zeitlang nichts, aber nicht, weil er besonders erschrocken war, sondern weil er beim Töten eines Menschen immer langsam und ruhig vorzugehen pflegte. Er liebte es, Eindruck zu machen – das gehörte zu der Angst, die er den anderen einflößte –, um den Leuten zu zeigen, daß er überlegt tötete und nicht in einem Wutanfall.
    ›Ach, wirklich, was du nicht sagst‹, meinte er schließlich, als er sicher war, daß alle im Raum zuhörten. ›Ich möchte wissen, mit wem zu sprechen ich die Ehre habe, weißt du?‹
    ›Ich bin der Teufel‹, sagte der Mann, ›ich komme deine Seele holen, und zwar keinen Augenblick zu früh.‹ Damit senkte er seinen Arm. Sie hatten ihn natürlich noch nie gesehen, und in dem trüben Licht war das Gesicht, das er entblößte, kein menschliches Antlitz. Es waren lauter abergläubische Männer – unwissend, mit schlechtem Gewissen, ohne Religion, und sie hatten große Angst vor dem Unbekannten. Sie sprangen fluchend und übereinander stürzend von ihm fort. Der Baron hatte schon das Schwert unter seinem Mantel gezogen und stieß es nun Glabron in die Kehle, faßte mich am Arm, schlug einen anderen Mann, der ihm im Weg war, mit einem Hieb zu Boden und war auch schon mit mir und Ankray draußen im Dunkel, ehe noch einer Zeit hatte, sein Messer zu ziehen.
    Ich werde dir nicht die ganze Geschichte erzählen – zumindest nicht heute. Dazu wird noch später Zeit sein. Aber du kannst mir glauben, daß hier noch nie ein Mann wie Bel-ka-Trazet gesehen worden war. Drei Monate lang schliefen er, ich und Ankray nie zur selben Zeit. Nach sechs Monaten war er der Herr von Zeray, und hinter ihm standen Männer, auf die er sich verlassen konnte.
    Ich lebte mit ihm zusammen in diesem Haus, und die Leute nannten mich seine Königin – halb im Scherz und halb im Ernst. Keiner wagte, mir den Respekt zu verweigern. Ich glaube nicht, daß sie die Wahrheit geglaubt hätten – daß Bel-ka-Trazet mich nie berührt hatte. ›Ich bezweifle, daß du eine sehr gute Meinung von Männern hast‹, sagte er mir einmal, ›und was mich anlangt, bleibt mir nur wenig Selbstachtung. Ich kann zumindest noch, solange ich lebe, eine Priesterin aus Quiso ehren, und das wird für uns beide besser sein.‹ Dieses Geheimnis kennt nur Ankray. Alle anderen in Zeray glauben sicher, daß es uns bestimmt war, kinderlos zu bleiben, oder daß seine Verletzungen –
    Aber obwohl ich ihn nie liebte und ihm dankbar war für seine Zurückhaltung, schätzte und bewunderte ich ihn und wäre, wenn er es gewünscht hätte, bereit gewesen, seine Gemahlin zu werden. Er war zumeist mürrisch und versonnen. Es gibt hier wenig genug Vergnügungen, aber er hatte für derlei nichts

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