Shogun
nachgelassen und fiel jetzt sanft und warm. Der Hof des Gasthauses war leer. Keine Wachen standen mehr am Tor und an den Enden der Brücke.
»Nachts ist es viel schöner, nicht wahr?« sagte sie.
»Ja«, erwiderte er, ganz durchdrungen von dem Bewußtsein, daß sie allein waren und ihnen nichts passieren konnte, wenn sie vorsichtig zu Werke gingen und wenn sie wollte, was er wollte.
Eine Zofe kam, nahm ihr den Regenschirm ab und brachte ihr trockene Tabi. Sie kniete nieder und rieb Mariko die Füße trocken.
»Morgen bei Sonnenaufgang werden wir unsere Reise antreten, Anjin-san.«
»Wie lange werden wir brauchen?«
»Ein paar Tage, Anjin-san. Herr Toranaga hat gesagt …« Mariko wandte den Blick von ihm, als Gyoko unterwürfig aus dem Gasthaus herauskam. »Herr Toranaga hat mir gesagt, wir hätten viel Zeit.«
Gyoko verneigte sich sehr tief. »Guten Abend, Dame Toda, bitte, verzeiht, daß ich Euch unterbreche.«
»Wie geht es Euch, Gyoko-san?«
»Gut, vielen Dank. Ich wünschte nur, es würde aufhören zu regnen. Ich mag diese Schwüle nicht. Freilich, wenn die Regenzeit aufhört, kommt die Hitze, und das ist noch ärger, neh? Aber der Herbst ist nicht mehr weit … Ach, welch ein Glück, daß der Herbst noch vor uns liegt und wir uns auf ihn freuen können. Und dann auf den göttlichen Frühling, neh?«
Mariko antwortete nicht. Die Zofe schnürte die Tabi für Mariko fest und stand auf. »Vielen Dank«, sagte Mariko und entließ sie. »Nun, Gyoko-san, kann ich irgend etwas für Euch tun?«
»Kiku-san fragt, ob Ihr möchtet, daß sie Euch beim Abendessen aufwarten oder heute abend für Euch singen oder tanzen soll. Herr Toranaga hat ihr ausdrücklich aufgetragen, für Eure Unterhaltung zu sorgen, wenn Ihr das wünschtet.«
»Ja, das hat er mir gesagt, Gyoko-san. Das wäre sehr nett, aber vielleicht nicht heute abend. Wir wollen morgen früh aufbrechen, und ich bin sehr müde. Bitte, entschuldigt mich bei ihr.« Toranaga hatte Mariko befohlen, die beiden Frauen auf der Reise mitzunehmen, und sie hatte ihm gedankt, erfreut darüber, jetzt zwei Anstandsdamen um sich zu haben.
»Zu freundlich von Euch«, sagte Gyoko mit honigtriefender Stimme. »Wir sollen immer noch nach Yedo?«
»Ja, selbstverständlich. Warum?«
»Nichts, Dame Toda. Aber in dem Fall – könnten wir nicht in Mishima ein oder zwei Tage Pause einlegen? Kiku würde gern ein paar Kleider holen – sie findet, sie sei für Herrn Toranaga nicht anständig genug gekleidet. Wir sollten ihre Garderobe abholen, so unangemessen sie auch sein mag.«
»Jawohl, selbstverständlich. Ihr werdet beide mehr als genug Zeit haben.«
Gyoko sah Blackthorne nicht an, wiewohl sie sich seiner Gegenwart sehr bewußt war. »Es ist … tragisch, das mit unserem Gebieter, neh?«
»Karma«, sagte Mariko ungerührt, um dann mit der spitzen Zunge einer Frau hinzuzufügen: »Aber es hat sich nichts geändert, Gyoko-san. Ihr bekommt Euer Geld an dem Tag, da wir in Yedo ankommen – in Silber, wie es im Kontrakt abgemacht ist.«
»Oh, tut mir leid«, sagte Gyoko und tat ganz entsetzt, »tut mir leid, Dame Toda, aber Geld? An so etwas hätte ich im Augenblick überhaupt nicht gedacht! Nichts liegt mir ferner! Ich habe nur an die Zukunft unseres Gebieters gedacht.«
»Er ist Herr seiner eigenen Zukunft«, kam es Mariko leicht von den Lippen, aber sie glaubte es selbst nicht mehr. »Eure Zukunft hingegen sieht rosig aus, neh? Was auch geschieht, Ihr seid jetzt reich. Alle Eure weltlichen Sorgen sind vorbei. Bald werdet Ihr in Yedo mit Eurer neuen Zunft der Kurtisanen eine Macht darstellen, gleichgültig, wer dann im Kwanto regiert. Bald werdet Ihr die größte aller Mama-sans sein, neh?«
»Ich sorge mich einzig um Herrn Toranaga«, sagte Gyoko mit angemessenem Ernst. Ihr Schließmuskel zog sich zusammen bei dem Gedanken, daß bald zweitausendfünfhundert Koku in ihrer Schatztruhe liegen würden. »Wenn es eine Möglichkeit gäbe, ihm zu helfen, ich würde es tun …«
»Wie großmütig von Euch, Gyoko-san. Ich werde ihm von Eurem Angebot berichten. Ja, tausend Koku weniger würden ihm sehr helfen. Ich nehme in seinem Namen an.«
Gyoko betätigte nervös ihren Fächer, setzte ein gewinnendes Lächeln auf und brachte es gerade noch fertig, nicht laut loszuklagen über soviel Dummheit, wie ein vom Saké benebelter Neuling auf so etwas hereinzufallen. »O nein, Dame Toda, wie könnte Geld einem so großzügigen Gönner helfen? Nein, nein, Geld ist gewiß keine
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