Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Silbermuschel

Silbermuschel

Titel: Silbermuschel Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Federica de Cesco
Vom Netzwerk:
Nicht-Erklärungen sind so klar, daß alle Fragen sich erübrigen. Das konkrete Erlebnis uralten Brauchtums ist eine Quelle von Weisheit und Frieden. Versucht man, diese Grundkräfte intellektuell zu verdeutlichen, geht ihr tieferer Sinn verloren. Aber das konnte ich den Reportern nicht sagen und den Fischern schon gar nicht. Die waren alle stolz, daß sie ins Fernsehen kamen!«
    Unvermittelt streckte er den Arm aus.
    »Siehst du den Leuchtturm dort? Bis dahin sind es vierzehn Kilometer Sandstrand. Einige von uns laufen täglich die Strecke hin und zurück. Unser Tagesablauf ist ziemlich streng geregelt, das mußte sein. Aber glaube ja nicht, daß wir klösterlich leben. Die Musiker fahren mit dem Autobus oder dem Fahrrad nach Ryotsu, wann sie wollen. Wer Lust auf Szenenwechsel hat, fährt nach Niigata und findet dort jede Menge In-Discos. Außerdem reisen wir viel auf dem Festland umher und sind sechs Monate im Jahr auf Tournee.«
    »Wer unterrichtet die Gruppe?«
    »Ich wollte von Anfang an, daß anerkannte Meister die Musiker ausbildeten.
    Die Lehrer sind nicht immer da; sie kommen zu Workshops, drei- oder viermal im Jahr. Zwischendurch lernen die Jüngeren von den Älteren. Wir haben keine Schule im üblichen Sinn, aber Disziplin wird bei uns großgeschrieben. Ein Mensch, der seine Kunst beherrschen will, lernt zuerst sich selbst zu beherrschen. Wer das nicht versteht, hat hier nichts zu suchen. In Europa und in den Vereinigten Staaten wird Musik zumeist im Rahmen eines Programmangebots konsumiert. Der Künstler wird in das Schema von Rendite und Produktion einbezogen und riskiert, sich selbst zu verlieren. Klar brauchen wir Geld, damit die Gruppe bestehen kann. Aber der Konformismus darf nicht in den Vordergrund rücken. Unsere Musik soll nicht vollkommen sein: Wir wollen weiterhin Fragen stellen. Und in der Musik Fragen zu stellen heißt improvisieren. Wir reisen von Dorf zu Dorf, von Fest zu Fest und erleben die Vielfalt traditioneller Musikformen. Diese Einflüsse wirken wie Traumbilder, die frische Klangmuster in uns entstehen lassen. Bei Schreinfesten treten wir unentgeltlich auf. Wir spielen, um die Götter und die Menschen zu erfreuen und mit unseren Instrumenten eine lebendige Beziehung aufzubauen.
    Einer unserer Lehrer ist Klostertrommler. Früher trieb er sich im Land herum und machte alles mögliche. Er war Lastwagenfahrer, Hafenarbeiter und Kellner. Er nahm sich niemals die Mühe, sein Können professionell prüfen zu lassen, aber er ist ein Meister seiner Kunst. ›Die Trommeln haben ein schlechtes Gedächtnis‹, sagte er zu mir. ›Sie vergessen dich augenblicklich, wenn du dich nicht sehr gut an sie erinnerst.‹«
    Wir gingen im Schatten der Kiefern; die Nadeln blitzten hart im Zwielicht. Als die Sonne mein Gesicht wieder traf, fragte ich:
    »Wie fühlst du dich, wenn du die Trommel schlägst?«
    »Wie ich mich fühle?«
    Jetzt wurde er ernst; er sah dann jünger aus und nicht älter, wie das bei 445
    Männern häufig vorkommt.
    »Es ist wie eine Umarmung«, antwortete er schließlich, sein Haar aus dem Gesicht werfend, um mich anzuschauen. »Ich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich lernte, mein verflixtes Denken auszuschalten. Nur noch das Pochen des Schlegels, das Vibrieren des Trommelfells wahrzunehmen. Tritt dieser Zustand ein, fühle ich mich hell wie Feuer. Mein Körper verwandelt sich. Ich werde getragen von der Kraft, die ich auslöse; mein Herz spricht für mich, selbstlos und ungehindert. Ich lasse mich fallen, wie in der Liebe, wenn ich dich so stark fühle, daß sich mein ganzes Wesen in dir verliert. Und es ist nicht meine Sache, den Augenblick zu wählen, wenn ich falle; du in deiner Stärke bist es, die mich aufnimmt. Genau so gebe ich mich der O-Daiko hin: Die Trommel und ich werden eins. Aber was ich da sage, ist nur eine Beschreibung. Erklären läßt sich so was nicht.«
    Seine Worte erweckten andere Erinnerungen in mir, manche schillernd wie Seifenblasen, andere dunkel und schrecklich, kaum auszudenken. Sie verstörten mich nach wie vor, aber nun konnte ich darüber reden.
    »Früher habe ich Ähnliches empfunden. Aber später – nein, nicht mehr. Es kam mir töricht vor, wie so manches, was ich fühlte oder tat. Und ich hatte auch zuviel Angst.«
    Er ging dicht neben mir; die Art, wie er seine Handfläche ganz eng an meine preßte, war aufwühlend wie eine Liebkosung.
    »Alles, was sich unabhängig von unserem Willen in uns vollzieht, raubt uns erst mal den Atem. Wir

Weitere Kostenlose Bücher