Simon Schweitzer - immer horche, immer gugge (German Edition)
du würdest heute mit deinen Freunden feiern.“ Herr Schweitzer holte eine Tasse und goß ein, derweil Laura aus dem Kühlschrank eine Flasche Mumm extra dry herausnahm und zwei Gläser auf den Tisch stellte.
„Nö.“
„Na ja, du feierst ja morgen noch ausgiebig.“
Punkt Mitternacht klirrten die Sektgläser. Simon Schweitzer umarmte Laura innig, drückte und knuddelte sie. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und alles Gute.“
„Danke.“
„Du wirst sehen, dreißig ist gar nicht so schlimm. Schau mich an.“ Laura lachte. „Warte einen Augenblick.“ Herr Schweitzer huschte in sein Zimmer und wieder zurück. Dann überreichte er seiner Untermieterin die Menora. Für aufwendiges Geschenkeinpacken war ihm keine Zeit geblieben. Das war auch ganz gut so, denn gewöhnlich sahen die Versuche des Geschenkeinpackens dem Knäuel Papier ähnlich, das gewöhnlich beim Auspacken entsteht.
„Die ist aber schön.“ Laura kramte aus einer Schublade sieben blaue Haushaltskerzen hervor und steckte sie auf den Leuchter.
Dann verwendete Simon Schweitzer noch einige Mühe darauf, seiner Mitbewohnerin das Leben jenseits der Dreißig in antidepressiven Farben zu schildern. Kurz vor dem Zubettgehen führte er ihr noch seinen neuen Schaukelstuhl vor. Hernach drehte er sich noch einen Kleinstjoint, schaukelte sanft und ließ einige Geschehnisse der letzten Tage Revue passieren, derweil sein Blick über die nächtliche Skyline schweifte.
Herrn Schweitzer offenbarte sich ein weiterer elysischer Morgen. Die Wonne hatte noch dadurch eine Steigerung erfahren, daß weder Tür noch Telefon geklingelt hatten und der Hausherr nach natürlichem Bedürfnisse aufgewacht war. Laura schlief noch, schließlich wollte das Zuwenig an Schlaf nachgeholt werden, welches sich bei Werktätigen während der Woche so ansammelt.
Nachdem sich Simon Schweitzer das Frühstück bereitet und die Zeitung hochgeholt hatte, schlug er nämliche bei den Neuigkeiten des Schwarzbachfalls auf. Zuvörderst wurde der Leserschaft mitgeteilt, daß jene drei jungen Personen, welche die Leiche Schwarzbachs fanden und in ihrer Panik dann türmten, nun endgültig von jedem Verdacht befreit waren. Ein Graphologe hatte sich mit der Schrift beschäftigt, die mit profanem schwarzen Autolack auf das Bettlaken gesprüht worden war. Für diese heiße Spur hatte man nun einige polizeiliche Kräfte gebündelt. Nach dem Urteil des Graphologen war der Schreiber männlich, dreißigbis vierzigjährig, ordentlich und mit einem Hang zur Selbstdarstellung. Nach Herrn Schweitzers grober Schätzung reduzierte sich damit der Kreis der Tatverdächtigen in Deutschland auf kaum mehr als sechs oder sieben Millionen, da konnte man doch eigentlich schon Sicherheitsverhaftungen vornehmen. Von einem unter Mordverdacht stehenden Apostel Hollerbusch war natürlich keine Rede, was hatte er erwartet? Dafür war man sich jetzt ganz sicher, daß es sich bei der Tatwaffe um eine Mauser P 08 handelte, die bei der Wehrmacht sehr verbreitet gewesen war. Für Herrn Schweitzers Dafürhalten herrschte bei den Ermittlungsbehörden eine große Konfusion. Gesucht wurde, so stellte es sich dar, ein vormals neun- bis neunzehnjähriger Startbahnwestgegner mit einem Hang zur Selbstdarstellung, der zu Wehrmachtszeiten eine Mauser entwendet hatte und im zarten Greisenalter zu einem eiskalten Politikerkiller mutiert war. So wird das nie was, dachte Simon Schweitzer und widmete sich den Weltnachrichten, die aber auch keine Besserung in irgendeiner Hinsicht versprachen.
Sicherheitshalber überprüfte er noch einmal sämtliche Zutaten auf ihre Vollständigkeit, bevor die Geschäfte schlossen. Daran tat Herr Schweitzer gut, denn für den Borani-e-esfanadsch-Salat war nicht mehr genügend Kurkuma vorhanden. Erst ärgerte er sich, daß er nicht gestern schon daran gedacht hatte, aber dann war er doch froh ob seiner peniblen Ader. Das hätte was gegeben, ein Borani-e-esfanadsch-Salat ohne Kurkuma.
Er war schon fast an dem Bettler vorüber, als er sich an Guntrams Worte von gestern erinnerte: Ich hätte ihn fast nicht wiedererkannt, wie er da in der Schweizer Straße auf dem Boden saß. Simon Schweitzer ging noch einige Schritte, dann blieb er vor einem Blumengeschäft stehen. Verstohlen blickte er nach links. Er konnte in dem Bild des Jammers, das sich ihm präsentierte, keinen Daniel Fürchtegott Meister erkennen. Doch die Gestalt starrte ihn unverwandt an. Herr Schweitzer fühlte sich nicht wohl in seiner Haut.
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