Splitterherz
haben. Denn trotz diverser bauchfreier Shirts mochte ich es nicht besonders, nackte Haut zu zeigen, die niemanden etwas anging.
Nach zwei Minuten Fummeln und derbsten Flüchen, die Colin unter anderem die eitrige Beulenpest an die Hoden wünschten, glitt der Ring mit einem leichten Ziehen aus seinem warmen Nest. Klirrend fiel er in den offenen Abfluss der Badewanne und verschwand.
»Adios«, sagte ich müde. Dann ging ich zurück in mein Zimmer, um den Zettel meiner Verluste aus der Nachttischschublade zu ziehen.
»Tag 3: Mein Bauchnabelpiercing.«
Denn ich wusste genau: Ich würde Papa nicht bitten, den Abfluss aufzuschrauben, damit ich es retten konnte. Ich hatte es tatsächlich nie gewollt. Und ich hasste Colin inbrünstig dafür, dass er das wusste. Oder einfach nur geraten und ins Schwarze getroffen hatte.
Nach einem Zögern fügte ich hinzu: Mein Stolz. Doch hatte ich jemals Stolz besessen?
Der Schlaf kam schnell. Fast unmerklich streifte mich das mittlerweile vertraute Flüstern, bevor ich ins Nichts fiel: »Siehst du. Es ist nichts passiert.
Hoffnungsschimmer
Am nächsten Morgen herrschte strahlendes Sonnenwetter - und Papa litt unter Migräne. Aus Rücksicht auf ihn hatte sich Mama mal wieder im Nähzimmer einquartiert. Da ich erst zur dritten Stunde zur Schule musste, nahm ich die seltene Gelegenheit wahr, mit ihr zu frühstücken und sie morgens ausnahmsweise wach und ansprechbar zu erleben. Sie buk Croissants auf und öffnete eine ihrer streng limitierten selbst gemachten Erdbeermarmeladen.
Dass ich kaum redete, störte sie nicht. Sie war voller Unternehmungsdrang und auch ich fühlte mich wach und erholt. Allerdings bemühte ich mich, nicht an meine Dorfturnhallengefangenschaft vom Vorabend zu denken und auch nicht an die wirren Träume, die mich gegen Morgen heimgesucht hatten. Ich hatte im Traum nach dem rufenden Vogel gesucht und konnte plötzlich die höchsten Bäume erklimmen und durch eiskalte Bäche rennen, ohne Erschöpfung oder Schmerz zu spüren - trotzdem hatte ich den Vogel nicht gefunden und war schier verzweifelt.
Mit einer Mischung aus Sehnsucht und Besorgnis schaute Mama hinaus in den Garten. »Ich werde heute versuchen, Mutterkraut aufzutreiben und ein Kräuterbeet anzulegen. Vielleicht hilft es ihm ja doch.« Sie war also in Gedanken bei Papa und seiner Migräne. Aus dem Mutterkraut braute sie einen Sud, der Papa in Migränezeiten helfen sollte. Doch eigentlich half ihm gar nichts. Nur schlechtes Wetter und Dunkelheit.
»Aber pass auf, dass sie dich dann nicht irgendwann als Hexe verbrennen«, mümmelte ich und verschluckte mich beinahe an meinem Croissant.
»Ach, Ellie, guck dich mal um - man würde hier wohl eher auffallen, wenn man keinen Kräutergarten pflegen würde«, lachte Mama erstaunt. Und sie hatte recht. Unsere Nachbargärten waren üppig, aber im Vergleich zu Mamas bisherigem Werk weitaus gepflegter und symmetrischer. Ordentlicher.
»Ich schau noch schnell nach Papa«, beschloss ich und stand auf.
»Nimm eine Tasse Tee für ihn mit«, bat mich Mama und drückte mir ein Tablett in die Hand. Auf leisen Sohlen schlich ich zum Schlafzimmer meiner Eltern und klopfte sachte an. Papa saß aufrecht im Bett, mit einem dicken Aktenordner auf den Knien und einem sagenhaft großen Eisbeutel auf dem Kopf. Die Jalousien waren komplett heruntergelassen, sodass nicht ein winziger Streifen Sonnenlicht in den Raum dringen konnte, doch auf dem Nachttisch brannte eine weiße Stumpenkerze. Es war mir schleierhaft, wie er mit pochendem Schädel seine Unterlagen durchgehen konnte.
»Komm rein, Elisa«, rief er lächelnd, schloss rasch den Aktenordner und winkte mich zu sich.
»Findest du es nicht langsam ein wenig uncool, als Mann Migräne zu haben?«, versuchte ich ihn aufzuheitern.
»Oh, es wird schon etwas besser«, sagte er optimistisch.
Ich glaubte ihm kein Wort. Ich sah ihm an, dass ihn die Schmerzen quälten. Und irgendwie wirkte er hungrig. Ich stellte den Tee auf seinen Nachttisch und ließ mich am Fußende des Bettes nieder. Wie immer konnte ich es nicht recht fassen - mein Papa, ein Bär von einem Mann, stark, athletisch und groß. Und dann Migräne.
Sein Lächeln verschwand und er sah mich prüfend an.
»Wie ist es denn so in der Schule?«
Am liebsten hätte ich die Wahrheit gesagt: niederschmetternd.
Aber ich wollte Papa keine Sorgen bereiten. Ich versuchte es mit einem Mittelweg.
»Na ja, ich muss mich wohl noch
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