Stilles Echo
habe ein Zuhause. Ich habe Männer, die mich respektieren. Einige von ihnen mögen mich sogar. Was mehr ist, als Sie je von sich behaupten könnten! Ich habe nichts von alledem verloren!« In seinen Augen leuchteten Anklage und Triumph, aber seine Stimme schwoll immer weiter an, und in seinen Worten schwang eine Schärfe mit, die die alten Wunden verriet. In seinem Gesicht lagen weder Ruhe noch Zufriedenheit.
Monk spürte, wie er sich versteifte. Runcorn hatte mit seiner Erwiderung ins Schwarze getroffen, und sie wußten es beide.
»Ist das Ihre Antwort?« fragte er sehr leise, während er einen Schritt nach hinten machte. »Ich erzähle Ihnen, daß Frauen in dem Bezirk, in dem Sie die Verantwortung für das Gesetz tragen, vergewaltigt und geschlagen werden, und Sie antworten, indem Sie alte Streitereien mit mir wieder aufleben lassen, weil Sie mich als Rechtfertigung brauchen, um in die andere Richtung zu sehen? Sie mögen die Stellung haben und das Geld dazu und die Sympathie einiger Ihrer Untergebenen… Glauben Sie, Sie hätten auch nur den geringsten Anspruch auf Respekt, wenn jemand Sie so reden hören würde? Ich hatte ganz vergessen, warum ich Sie verachte, aber Sie haben mich wieder daran erinnert. Sie sind ein Feigling, und Sie setzen Ihre persönlichen, schäbigen Abneigungen über Ihre Ehre.«
Monk richtete sich auf und straffte die Schultern. »Ich werde jetzt zu Mrs. Hopgood gehen und ihr erzählen, daß ich Ihnen meine Beweise bringen wollte, daß Sie aber so versessen auf Ihre persönliche Rache an mir waren, daß Sie sich diese Dinge nicht einmal angehört haben. Es wird herauskommen, Runcorn. Glauben Sie nicht, das sei eine Sache zwischen Ihnen und mir, denn das ist es nicht! Unsere Abneigung gegeneinander ist schäbig und unehrenhaft. Diese Frauen werden verletzt, vielleicht wird die nächste getötet, und es wird unsere Schuld sein, denn wir konnten nicht zusammenarbeiten, um diese Männer aufzuhalten.«
Runcorn erhob sich, und er war weiß um die Lippen. Auf seiner Haut glänzte Schweiß.
»Wagen Sie es nicht, mir vorzuschreiben, wie ich meine Arbeit zu tun habe! Und versuchen Sie nicht, mich mit Drohungen zu irgend etwas zu zwingen. Bringen Sie mir einen einzigen Beweis, den ich vor Gericht benutzen kann, und ich verhafte jeden Mann, auf den er hindeutet! Bisher haben Sie mir nichts erzählt, das auch nur die geringste Bedeutung gehabt hätte! Und ich vergeude keine Männer, bevor ich weiß, daß es wahrscheinlich ein Verbrechen gegeben hat und daß eine gewisse Chance auf eine Strafverfolgung besteht. Eine einzige anständige Frau, die vergewaltigt wurde, Monk! Eine einzige, die eine Aussage machen will, die ich benutzen kann.«
»Wen wollen Sie eigentlich verurteilen?« konterte Monk.
»Den Mann oder die Frau, den Vergewaltiger oder das Opfer?«
»Beide«, erwiderte Runcorn und senkte plötzlich die Stimme.
»Ich habe es mit der Wirklichkeit zu tun. Haben Sie das vergessen, oder tun Sie nur so, weil es auf diese Weise leichter ist? Es ist ein höchst moralischer Standpunkt, den Sie beziehen, aber er ist im Grunde scheinheilig, und das wissen Sie auch.«
Monk wußte es tatsächlich. Es machte ihn wütend. Alles in ihm lehnte sich dagegen auf. Es gab Zeiten, in denen er die Menschen, beinahe alle Menschen, für ihre willige Blindheit haßte. Es war eine Ungerechtigkeit, eine brennende, brutale, selbstgefällige Ungerechtigkeit.
»Haben Sie irgend etwas in der Hand, Monk?« fragte Runcorn, diesmal ruhiger und ernster.
Monk, der immer noch stand, sagte ihm alles, was er wußte, und woher er es wußte. Er erzählte, mit welchen Opfern er gesprochen hatte, und brachte die verschiedenen Ereignisse in eine chronologische Reihenfolge, um zu zeigen, daß die Angriffe immer gewalttätiger geworden waren, daß die Verletzungen bei jedem Mal schlimmer wurden und die Brutalität wuchs. Er berichtete Runcorn, wie er die Männer zu bestimmten Hansonfahrern zurückverfolgt hatte. Er gab ihm möglichst widerspruchsfreie Beschreibungen der Täter.
»Also schön«, sagte Runcorn schließlich. »Ich gebe Ihnen recht, daß es sich um Verbrechen handelt. Daran zweifle ich gar nicht. Ich wünschte, ich könnte etwas dagegen unternehmen. Aber lassen Sie Ihren Zorn doch lange genug beiseite, um Ihrem Gehirn zu erlauben, klar zu denken, Monk. Sie kennen das Gesetz. Wann haben Sie je erlebt, daß ein Gentleman für eine Vergewaltigung verurteilt worden wäre? Die Geschworenen werden unter den Grundbesitzern
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