Tagebücher: 1909-1923
begleiten, nein ich werde lieber mit ihm gehn, ich habe keinen bestimmten Weg.
Er ist ein guter Recitator, früher war er beiweitem nicht so gut wie jetzt, jetzt kann er schon den Kainz nachmachen, daß keiner ihn unterscheidet. Man wird sagen, er macht ihm nur nach, aber er gibt doch auch viel eigenes. Er ist zwar klein, aber Mimik, Gedächtnis, Auftreten hat er, alles, alles. In der Militärzeit draußen in Milowitz im Lager hat er recitiert, ein Kamerad hat gesungen, sie haben sich wirklich sehr gut unterhalten. Es war eine schöne Zeit. Am liebsten recitiert er Dehmel, die leidenschaftlichen frivolen Gedichte z. B. von der Braut, welche sich die Brautnacht vorstellt, wenn er das recitiert, so macht das besonders auf die Mädchen einen riesigen Eindruck. Also das ist ja selbstverständlich. Er hat den Dehmel sehr schön gebunden, so in rotem Leder. (Mit herabfahrenden Händen beschreibt er ihn) Aber auf den Einband kommt es ja nicht an. Außerdem recitiert er sehr gern Rideamus. Nein die widersprechen einander gar nicht, da vermittelt er schon, redet dazwischen, was ihm einfallt, macht sich aus dem Publikum einen Narren. Dann ist auf seinem Programm noch Prometheus. Da fürchtete er sich vor niemandem, auch vor Moissi nicht, Moissi trinkt, er nicht. Endlich liest er sehr gerne vor von Swet Marten; das ist ein neuer nordischer Schriftsteller. Sehr gut. Es sind so Epigramme und kleine Aussprüche. Besonders die über Napoleon sind ausgezeichnet, aber auch alle andern über andere große Männer. Nein, recitieren kann er daraus noch nichts, er hat es noch nicht studiert, nicht einmal ganz gelesen, nur seine Tante hat es ihm letzthin vorgelesen und da hat es ihm eben so gut gefallen
Mit diesem Programm wollte er also öffentlich auftreten und hat sich also dem “Frauenfortschritt” für einen Vortragsabend angeboten. Eigentlich wollte er zuerst “Eine Gutsgeschichte” von der Lagerlöf vortragen und hat auch diese Geschichte der Obmännin des Frauenfortschritt, der Frau Durege-Wodnanski, zur Überprüfung geborgt. Sie sagte, die Geschichte wäre ja schön, aber zu lang, um vorgetragen zu werden. Er sah das ein, sie war wirklich zu lang, besonders da an dem beabsichtigten Vortragsabend noch sein Bruder Klavier vorspielen sollte. Dieser Bruder, 21 Jahre alt, ein sehr lieber Junge, ist ein Virtuose, er war zwei Jahre (schon vor 4 Jahren) an der Musikhochschule in Berlin. Ist aber ganz verdorben zurückgekommen. Verdorben eigentlich nicht, aber seine Kostfrau hat sich in ihn verliebt. Er hat dann später erzählt, daß er oft zum Spielen zu müde war, weil er immerfort auf dieser Kostschachtel herumreiten mußte.
Da also die Gutsgeschichte nicht paßte, einigte man sich auf das andere Programm Dehmel, Rideamus, Prometheus und Swet Marten. Um nun aber der Frau Durege von vornherein zu zeigen, was er eigentlich für ein Mensch ist, brachte er ihr das Manuscript eines Aufsatzes “Lebensfreude”, den er im Sommer dieses Jahres geschrieben hatte. Er hatte es in der Sommerfrische geschrieben, bei Tag stenographiert, am Abend ins reine gebracht, gefeilt, gestrichen, aber eigentlich nicht viel Arbeit damit gehabt, da es ihm gleich gelungen war. Er borgt es mir, wenn ich will, es ist zwar populär geschrieben, mit Absicht, aber es sind gute Gedanken darin und es ist betamt wie man sagt. (Spitziges Lachen mit erhobenem Kinn.) Ich kann es mir ja hier durchblättern unter dem elektrischen Licht. (Es ist eine Aufforderung an die Jugend nicht traurig zu sein, denn es gibt ja die Natur, die Freiheit, Goethe, Schiller Shakespeare, Blumen, Insekten u. s. w.) Die Durege sagte, sie hätte jetzt gerade keine Zeit es zu lesen, aber er könne es ihr ja borgen, sie werde es ihm in paar Tagen zurückgeben. Er hatte schon Verdacht und wollte es nicht dort lassen, wehrte sich, sagte z. B. Schauen Sie Frau Durege warum soll ich es hier lassen, es sind ja nur Banalitäten, es ist ja gut geschrieben, aber – Es half alles nichts, er mußte es dort lassen. Das war Freitag.
28 II 12 Am Sonntag morgen beim Waschen fällt ihm ein, daß er das Tagblatt noch nicht gelesen hat. Er schlägt es auf, zufällig gerade die erste Seite der Unterhaltungsbeilage. Der Titel des ersten Aufsatzes “Das Kind als Schöpfer” fällt ihm auf, er liest die ersten Zeilen – und fängt vor Freude zu weinen an. Es ist sein Aufsatz, wortwörtlich sein Aufsatz. Es ist also zum erstenmal etwas gedruckt, er lauft zur Mutter und erzählt es. Die Freude! Die
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