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Texas

Texas

Titel: Texas Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: James A. Michener
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»Wir dachten schon, du wärst tot«, begrüßte sie ihr Mann prosaisch. Sie betrachtete ihr Haus, das immer noch stand, und küßte ihren Mann. »Gott sei Dank, daß du hier gebaut hast!«
    Nun meldete sich Yancey zu Wort: »Das Wasser kam einen Meter an der Mauer hoch, und wir dachten schon, es wäre um uns geschehen. Aber der Kronk führte Dad und mich zu diesem Eichenhain und band uns an einen Baum.«
    Jubal hieß ihn schweigen. »Wir hatten einfach Glück. Und dafür müssen wir Gott danken.«
    Noch hundert Jahre später sprachen die Leute am Brazos von »dem Jahr, als der Fluß über die Ufer trat«. Für Mattie war es »das Jahr, in dem ich meinen Mais verlor«.
    Weniger Glück hatten die Quimpers bei einem anderen Ereignis, das eine Folge der Flut war. Die enormen Wassermassen hatten auch viele Tiere aufgeschreckt, die sich gezwungen sahen, in ihnen fremde Gebiete abzuwandern und neue Gewohnheiten anzunehmen. Eines dieser Tiere war eine riesige, zweieinhalb Meter lange Klapperschlange mit einem Kopf, so groß wie ein Suppenteller. Ihre Heimat war fünfundzwanzig Kilometer den Brazos hinauf ein Gesims in einer Felswand gewesen, das ihr ausgezeichneten Schutz geboten und sie laufend mit Opfern versorgt hatte, doch durch die Flut war sie zusammen mit Hirschen, Rehen und Alligatoren den Fluß hinabgespült worden. Als die Wasser zurückgingen, fand sich die Schlange in ihr unvertrauter Umgebung und höchst unsicherer Ernährungslage wieder.
    Die Riesenschlange wäre mit den Quimpers nie in Berührung gekommen, hätte sich Yancey nicht am anderen Ufer umgesehen. Er hatte nichts Bestimmtes im Sinn, stocherte nur mit einem Stecken in Löchern herum, weil er sehen wollte, was da passieren könnte. Als er sich der Stelle näherte, wo die Schlange sich versteckt hielt, hörte er zwar ihr warnendes Rasseln, schenkte ihm aber keine Beachtung. Er dachte, es sei ein Vogel oder ein großes Insekt, und stocherte weiter, bis er plötzlich keine drei Meter von ihm entfernt die riesenhafte eingerollte Schlange vor sich sah.
    »Mutter!« brüllte er, Mattie, die auf der Fähre arbeitete, griff nach dem Gewehr, das sie immer bei sich hatte, und lief, um Hilfe zu leisten. Als sie Yancey erreichte, fand sie ihn regungslos dastehen. »Tu doch was!« flehte er und deutete auf die Schlange. In Todesangst vor der Schlange, stieß sie ihren Sohn zur Seite und hob das Gewehr. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Weil sie wußte, daß sie nur eine einzige Chance hatte, feuerte sie nicht blindlings. Sie zielte genau, während sich die Schlange vorbereitete, den tödlichen Angriff zu führen, und drückte ab, Sekundenbruchteile, bevor das Reptil vorschnellte. Sie spürte den Rückstoß an der Schulter, fühlte die Schlange fast an ihrem Knie und fiel in Ohnmacht.
    Yancey, der nur gesehen hatte, wie das Tier auf seine Mutter zuschoß und daß sie zu Boden gestürzt war, kam trotz des Knalls zu dem Schluß, daß die Schlange sie getötet hatte, und lief schreiend am Fluß zur Anlegestelle hinauf: »Dad! Eine große Klapperschlange hat Mutter getötet!«
    Watend und schwimmend überquerten Jubal und der Kronk den Brazos und liefen zitternd auf die Stelle zu, wo Mattie immer noch neben der furchtbaren Schlange lag. Auch sie nahmen an, daß sie sich gegenseitig getötet hatten: »Das Vieh hat zugebissen, als sie abdrückte. O mein Gott!« Doch dann sah der Indianer ihre rechte Hand zucken. Als er sich vorsichtig an der Schlange vorbeibewegte und Matties Kopf hob, sah er, daß sie noch atmete. »Nicht tot!« rief er Quimper zu. »Große Angst. Große Angst.«
    Jubal und Yancey überzeugten sich, daß Mattie tatsächlich lebte. Mit einer Liebe, die sie sich nie zuvor hatten anmerken lassen, trugen sie sie zur Fähre hinauf, wo sie sie vorsichtig niederlegten. Hinter ihnen kam der Kronk mit dem Riesentier gelaufen, dessen Kopf Matties Schuß zerfetzt hatte. »Wir behalten«, sagte er. Die Quimpers wußten, daß er aus Respekt für den Mut, den der Feind gezeigt hatte, zumindest einen Teil davon verzehren würde.
    Jubal gerbte die Haut und dehnte sie zu ihrer maximalen Länge, bis sie die ganze Wand des Gasthofs bedeckte, insgesamt majestätische drei Meter lang. Den Kopf befestigte er so daran, daß es aussah, als bedrohe die Schlange die unter ihr sitzenden Gäste.
    Immer wenn Mattie das gräßliche Tier betrachtete, dachte sie nicht an ihren eigenen Heldenmut, sondern an das seltsame Betragen ihres Sohnes. Nie sprach sie darüber mit dem Vater des

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