Texas
Fieber befallen. Der Geistliche schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Du lieber Himmel, Jubal, Sie haben die Cholera!« Kaum waren diese Worte ausgesprochen, verbreiteten sie sich blitzschnell in der kleinen Gemeinde, und das Haus des Pfarrers wurde unter Quarantäne gestellt.
Diese Maßnahme erwies sich als vergeblich. Noch am gleichen Abend gab es vier weitere Opfer, und am nächsten Morgen herrschte Klarheit darüber, daß die gefürchtete Krankheit am Trinity River ihren Einzug gehalten hatte. Seuche, Cholera oder einfach Fieber genannt, griff sie den ganzen Körper mit solcher Zerstörungskraft an, daß der Erkrankte nur selten drei Tage überlebte.
Reverend Harrison kümmerte sich nicht um das Drängen seiner heimlichen Pfarrkinder, sich von dem befallenen Quimper fernzuhalten. »Wenn Jesus Christus die Aussätzigen betreuen konnte, kann ich auch Quimper betreuen«, sagte er und blieb bei ihm und kühlte sein fieberheißes Gesicht mit feuchten Tüchern, bis krampfartige Zuckungen erkennen ließen, daß der Tod unmittelbar bevorstand.
Als Quimper gestorben war, schloß Harrison ihm die Augen. Jubals Kleider mußten natürlich verbrannt werden, aber einige dauerhafte Gegenstände wie etwa Münzen nahm der Geistliche in seine Obhut mit der Absicht, zu der hundert Kilometer entfernten Fähre Quimpers zu bringen. Mattie sollte nicht von Fremden erfahren, daß ihr Mann plötzlich gestorben war. Harrison wurde zunächst jedoch aufgehalten, weil er vier weitere Opfer der Seuche begraben mußte. Als das geschehen war, begann er sich zu fragen, ob es richtig sei, daß er, der von der Cholera vielleicht auch befallen war, sich in eine andere Gemeinde begab.
Er wartete sechs Tage. Danach war er sicher, daß er verschont geblieben war, und machte sich auf den Weg. Während er sich der Fähre näherte, überlegte er, wie er Mattie die traurige Nachricht überbringen sollte. Als er das Ufer erreicht hatte, war er immer noch unentschlossen. »Mutter!« hörte er Yancey schreien. »Die Fähre.« Er wunderte sich, daß dieser fast erwachsene Junge nicht selbst kam, um ihn überzuholen, aber da Yancey nichts dergleichen tat, erschien schließlich Mattie, wischte sich die Hände an der Schürze ab und griff nach der schweren Stake.
Mit der Geschicklichkeit, die sie sich bei zahllosen Überfahrten angeeignet hatte, brachte sie die Fähre zum Anlegeplatz. »Willkommen, Pastor«, rief sie. »Jubal kommt sicher auch bald zurück.«
Er bestieg die Fähre. Während der Überfahrt war er so schweigsam, daß Mattie ihn schließlich fragte: »Was ist denn los, Reverend? Schlechte Nachrichten?« Er ließ den Kopf sinken. »Jubal ist tot. Die Cholera.«
Mattie stakte weiter. Den Blick auf das wirbelnde Wasser gerichtet, schwieg sie, bis sie sicher angelegt hatten. Dann half sie dem Geistlichen das steile Ufer hinauf. »Vater Clooney ist da. Für heute nachmittag sind sechs Trauungen vorgesehen.«
Sie gingen zum Balkenhaus hinüber, wo Clooney auf der Veranda im Schatten saß. »Guten Tag, Reverend«, grüßte er. Harrison erwiderte: »Ich bringe schlechte Nachricht. Jubal. die Cholera.«
Vater Clooney hatte schon viele Opfer der Seuche begraben helfen. Daß sie jetzt einen Mann getötet hatte, dem er, Clooney, so viel verdankte, traf ihn schwer.
»Den anderen sagen wir es besser nicht«, schlug er vor. »Es ist ihr Hochzeitstag.« Die drei kamen überein, daß nicht einmal Yancey vor den Trauungen etwas erfahren sollte.
Harrison wollte der katholischen Zeremonie nicht beiwohnen und machte sich schweigend auf den Weg. Clooney vollzog die Trauungen. Am Abend setzte er sich zu Mattie auf die Veranda und versuchte sie zu trösten. »Sie müssen wieder heiraten«, drängte er sie. »Sie werden Hilfe brauchen, um den Gasthof und die Fähre zu betreiben.«
In diesem Augenblick rief ein später Reisender vom anderen Ufer herüber: »Können Sie mich holen kommen? Ich habe nichts zu essen und keine Decken.« Mattie stand auf, ging zum Brazos hinunter und stakte über den seichten Fluß ans andere Ufer, wo der Mann wartete. Er bestieg die Fähre. Mattie stieß sie ab und brachte ihn in die Wärme ihres Gasthofs.
Der Sonderstab
Zum ersten offenen Zwist in unserem Sonderstab kam es, als wir uns im Oktober 1983 zusammensetzten, um die nächste Tagung in Tyler vorzubereiten, deren Thema »Religion in Texas« sein sollte. Es gelang uns nicht, eine Einigung über einen geeigneten Vortragenden zu erreichen. Zwar hatte keiner von uns
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