Tod Auf Dem Jakobsweg
Dietrichs Mutter? Weiß auch nichts von ihrem Sohn?»
«Ich habe keine Ahnung, Leo. Sie wurde bei der Scheidung sehr großzügig abgefunden und ist schon lange wieder verheiratet. Ich glaube in Brasilien, es kann auch Argentinien sein. Dietrich Mutter war völlig aus dem Leben meines Vaters und damit aus dem der Familie verschwunden.»
Im Flur näherten sich Schritte, verharrten vor der Tür — Nina hob abwehrend die Hand. Als es behutsam klopfte, legte sie mit beschwörendem Blick den Finger auf die Lippen. Die Schritte entfernten sich, eine Tür klappte, und es war wieder still.
«Das wird Jakob gewesen sein, der nachsehen wollte, ob es dir gutgeht», flüsterte Leo.
«Vielleicht, vielleicht auch nicht.»
«Nina! Sag mir endlich, wovor du dich fürchtest. Du kannst nicht alles alleine mit dir ausmachen.»
«Ich hatte gedacht, ich könnte es. Und ich hatte nicht gedacht, dass es für Benedikt bedrohlich sein würde.»
«Das war nicht deine Schuld. Glaub es endlich oder sage mir, warum du so darauf beharrst.»
«Weil ich Dietrich gesucht habe, der jetzt nicht mehr lebt, und weil es um sehr viel Geld geht. Ich muss ein bisschen ausholen, falls du zu müde bist...»
«Nun fang schon an. Ich bin hellwach.»
«Gut, dann fange ich an. Ich hatte nicht das beste Verhältnis zu meinem Vater, das wirst du gemerkt haben. Er starb im Januar, während ich in Bilbao war. Für mich kam sein Tod absolut unerwartet. Allerdings hätte er mir wohl auch nicht von seiner Krankheit erzählt, wenn unsere Beziehung besser gewesen wäre. Nur keine Schwäche zeigen, das war sein liebstes Motto, und das hat ihn letztlich umgebracht. Wenn er sich mehr geschont hätte, könnte er noch leben. Wahrscheinlich hielt er sich für unsterblich. Vielmehr ich ihn. Ich hatte keine Chance mehr, mich wirklich mit ihm zu versöhnen. Das wollte ich schon lange, spätestens weit von ihm entfernt in Bilbao habe ich begonnen, manches anders zu sehen und ihn besser zu verstehen. Ich wusste nur nicht, wie ich es anfangen sollte, und habe es immer wieder hinausgeschoben. Er war keiner, mit dem sich leicht über Persönliches reden ließ. In seinem Testament hat er mich und Dietrich als Erben eingesetzt. Natürlich, wir sind seine einzigen Kinder, aber ich hatte nur mit dem Pflichtteil gerechnet. Auch davon könnte ich bis an mein Lebensende sehr viel besser leben als die meisten.»
«Wahrscheinlich war es die einzige Art, auf die er zeigen konnte, dass er dich sehr liebte und trotz allem auch seinen abtrünnigen Sohn.»
«Wahrscheinlich, ja. Das macht es nicht unbedingt leichter. Es war für ihn auch eine fabelhafte Möglichkeit, uns doch noch in seine Fußstapfen zu zwingen. So oder so, es klingt nach dem großen Los, alle träumen von einer dicken Erbschaft. Tatsächlich ist es schrecklich, Leo. Es bürdet mir eine Verantwortung auf, die ich kaum tragen kann. Doch ich muss, ich habe einiges an ihm gutzumachen. Seit seinem Tod fühle ich auch so etwas wie eine Familienverpflichtung. Das überrascht mich, aber so ist es. Ich weiß jetzt auch, dass er Dietrich zuletzt finden wollte, er hat ihn suchen lassen. Wir sollten mit unseren Besitzanteilen dafür sorgen, dass die Firma in seinem Sinn weitergeführt wird. Da bin ich absolut sicher. Sie gehörte ihm und Georg Pfleger, sie haben den Betrieb zusammen aufgebaut und geleitet, bis sein Kompagnon starb - Instein & Pfleger ist eine recht große Pharma-Firma, sie produziert auch Natur-Kosmetika. Du hast den Namen sicher schon mal gehört.»
Leo nickte, mit ihrer Internetrecherche war sie der richtigen Spur ziemlich nah gekommen. «Wie solltet du und dein Bruder ein Pharma-Unternehmen führen? Dazu hast du wie dein Bruder weder die Ausbildung noch die Erfahrung.»
«Das stimmt, aber mit unseren Anteilen und als Mitglieder des Aufsichtsrats hätten wir die Firmenpolitik mitbestimmt, unsere Stimmen wären ausschlaggebend gewesen.»
«Gegen wen und gegen was?»
«In der Geschäftsführung und damit auch im Aufsichtsrat gibt es seit geraumer Zeit grundlegende Differenzen um die Zukunft der Firma, vor allem, ob ihre Eigenständigkeit bewahrt bleibt oder sie Teil eines multinationalen Großkonzerns wird. Im letzteren Fall — egal, das würde jetzt zu weit führen. Mein Vater hatte das bisher verhindert.»
Leo konnte es sich auch so vorstellen. Auslagerung großer Betriebsteile in Billiglohnländer, Einteilung wenig profitabler Traditionsprodukte, Verlust der Entscheidungskompetenz. Dafür viel Geld für
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