Vergeben, nicht vergessen
Molly gepresst auf dem Bett. Ramsey schlief auf dem Sessel daneben und hatte sich eine Decke bis zum Kinn hochgezogen.
Es war schon spät, bereits nach acht Uhr früh. Er hielt inne, unschlüssig, was er jetzt tun sollte.
»Sind Sie es, Miles?«
»Ja, Ramsey. Soll ich später noch einmal zurückkommen?«
»Nein, es ist ohnehin Zeit aufzustehen.« Er setzte sich im Sessel auf und streckte sich. »Ich fühle mich wie eine verdammte Brezel«, meinte er und strich sich über den Nacken. Er wollte gerade aufstehen, als Emmas Hand von unter der Decke auf ihn zuschnellte und nach seiner Hand griff. Molly wachte auf. Sie versuchte sich, ohne Emma zu wecken, aufzusetzen.
»Ich bin schon wach, Mama. Und ich habe Ramsey geschnappt.«
»Das sehe ich. Miles?«
»Ja bitte, Molly?« Er brach plötzlich ab und drehte sich um. »Guten Morgen, Sir. Wie Sie sehen, bewachen Ramsey und Molly Emma.«
»Das ist ja lächerlich«, sagte Mason Lord. »Was in aller Welt machen Sie denn hier, Ramsey?«
Mit ruhiger Stimme und immer noch mit Emmas Hand in seiner erwiderte Ramsey: »Wenn Sie jetzt bitte beide aus dem Zimmer gehen würden, können Molly und ich aufstehen. Und falls Sie sich wundern, weswegen ich hier bin, Emma hatte einen Alptraum. Ich bleibe dann ganz in ihrer Nähe, damit sie sich wieder sicher fühlt. Lass mich jetzt los, Em. So ist es gut.« Er beugte sich vor und küsste sie, dann streichelte er ihr zärtlich über die Wange.
Mason Lord wandte sich ab. Mit kalter, harter und doch geschmeidiger Stimme hörten sie ihn sagen: »Guten Morgen, Louey. Ich nehme an, dass du mir heute Morgen eine Menge zu sagen hast.«
»Sie schläft also mit ihm, stimmts?«
»Du hast das Gehirn eines Einfaltspinsels, Louey. Ich schlage vor, du gehst nach unten, nimmst etwas Frühstücksspeck und Toast zu dir und bereitest dich dann darauf vor, mir zu erzählen, was sich in letzter Zeit in deinem armseligen Leben zugetragen hat.«
»Wie gesagt, ich habe Emma nicht entführt. Sie ist auch meine Tochter. Warum redest du von ihr immer nur als Mollys Tochter? Hör zu, du musst mir glauben, ich ...«
Gott sei Dank schloss Miles in diesem Moment die Tür.
Ramsey rief Dr. Loo an und erzählte ihr von Emmas Alptraum, der ihr so wirklich vorgekommen war. Dr. Loo wollte sie sofort sehen.
Mason Lord fing Ramsey auf dem Weg zum Frühstück ab und zog ihn beiseite. »Ich habe Gunther gebeten, Ihnen den Mercedes zu bringen. Damit können Sie alle zum Arzt fahren. Außerdem habe ich von der Suche gestern Nacht erfahren.«
»Wir konnten keinen Beweis dafür finden, dass es tatsächlich einen Eindringling gegeben hat, was eigentlich ohnehin niemand erwartet hatte. Emma hat von dem Mann geträumt, war dann halb aufgewacht und hat ihn am Fenster gesehen. Das könnte auch einem Erwachsenen passieren. Es ist leicht vorstellbar, dass eine Sechsjährige einen bösen Mann am
Fenster sieht. Deshalb wollen wir heute auch gleich Dr. Loo aufsuchen, solange die Sache noch frisch für Emma ist.« Ramsey runzelte die Stirn und blickte an Mason Lords Schulter vorbei.
»Was ist los?«
»Es ist gut möglich, dass Emma den Entführer beschreiben könnte. Daran habe ich schon öfter gedacht, aber dann entschieden, dass wir ihr diese Belastung nicht zumuten dürfen. Es war zu früh. Vielleicht wäre es jetzt möglich. Wir könnten einen Phantomzeichner von der Polizei hierher bestellen.«
»Keine Polizei. Die stecken ihre Nase in Dinge, die sie nichts angehen. Ich bestelle einen Zeichner, er soll sich mit Dr. Loo absprechen und euch alle dort treffen.«
Ramsey nickte und ging ins Frühstückszimmer. Lediglich Emma und Molly saßen da. Es war ein reizender, im Kolonialstil eingerichteter Raum, dessen Erkerzimmer die Sicht auf den Garten und den glitzernd blauen Pool freigab. Er setzte sich an den Kirschholztisch mit der handgestickten Tischdecke und den für sie warm gehaltenen Speisen.
»Ich mag Dr. Loo«, sagte Emma und begann den ganz besonderen Haferbrei, den Miles ihr gemacht hatte, zu essen. »Glaubt ihr mir wirklich, dass ich ihn gesehen habe?«
»Es ist schon möglich, dass du ihn nicht wirklich gesehen hast, Liebling. Hoffentlich können wir mit Dr. Loo zusammen herausfinden, was du tatsächlich gesehen hast. Ist dir das recht?«
»Ja.« Sie seufzte tief auf. Ramsey hätte nie geglaubt, dass ein Kind so seufzen könnte.
Molly stand auf und stellte sich hinter Emma. »Lass mich dir einen Bauernzopf flechten, Em. So sieht es etwas zerrupft aus.«
Während
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