Vergeben, nicht vergessen
konnte sie jetzt sehen, sie stand dicht neben dem geöffneten Fenster. Eine Mondsichel war zu sehen, deren bleiches Licht das Zimmer erhellte.
Sie wandte sich ihm zu. »Du hast alles gehört, was er gesagt hat, nicht wahr?«
»Ja. Es hat mir gut getan, ihn zu schlagen, Molly. Er ist eine armselige Kreatur.«
»Glaubst du, er hat mit Emmas Entführung etwas zu tun?«
»Möglich. Wenn dem so ist, hast du den Nagel auf den Kopf getroffen. Er wollte sein Geld zurück. Dennoch komme ich immer wieder auf dieselben Fragen zurück. Warum die vielen Profis? Wer hat uns verfolgt? Erinnere dich, die Lösegeldforderung traf erst ein, nachdem Emma wieder bei uns war. Ich habe das sichere Gefühl, wenn sie uns geschnappt hätten, wären wir allesamt mausetot. Warum? Das würde ihnen kein Lösegeld einbringen.«
»Ich weiß.«
Ein Schrei ertönte, ein hoher, ohrenbetäubender Schrei. Sie rasten aus dem Zimmer den Flur hinunter zu Emmas und Mollys Zimmer.
Ramsey stand daneben, als Molly Emma in den Arm nahm und sie zu wiegen begann. »Ist schon gut, mein Liebling, ist schon gut. So ist es richtig, atme tief durch für Mama. Es ist alles in Ordnung. Ich bin hier. Ramsey ist auch hier.«
Er setzte sich auf die andere Bettkante und streichelte schweigend Emmas Rücken.
»War es der schreckliche Mann, Em?«
An die Schulter ihrer Mutter gedrückt, nickte Emma. »Ich bin aufgewacht, weil da dieses Geräusch war. Dann habe ich dorthin gesehen. Er war am Fenster. Er hat mich angestarrt. Er hat gegrinst. Er hatte schlechte Zähne, genau wie immer.«
Ramsey ging sofort zum Fenster. Er öffnete das Fenster, sah hinaus, konnte jedoch nichts entdecken. Sie befanden sich im zweiten Stock. Das Fenstersims war breit genug, dass ein Mann darauf hätte stehen können. Er spähte unablässig hinaus, doch konnte er weder im Gebüsch noch in den Bäumen eine Bewegung ausmachen, er sah niemanden sich im Schatten bewegen, noch hörte er irgendein Geräusch. Nicht einen einzigen von Mason Lords Wachposten konnte er erkennen.
Er wandte sich Emma wieder zu. Mit brüchiger Stimme flüsterte sie: »Er wird nicht Weggehen. Er ist immer da und wartet auf mich. Ich wusste, dass er wieder zu mir kommen würde, und das hat er auch getan. Er hat uns den ganzen Weg von Kalifornien bis hierher verfolgt. Jetzt ist er hier.«
Molly sah zu ihm auf. Er schüttelte den Kopf.
»Bist du dir sicher, dass er es war, den du am Fenster gesehen hast, Em?«
»Ja. Er hat mich angegrinst. Ich hatte solche Angst.«
Molly drückte sie wieder fest an sich. »Ich weiß, mein Liebling. Aber jetzt ist alles in Ordnung. Ramsey und ich sind hier bei dir.«
»Er wird nicht wieder zurückkommen, Emma«, sagte Ramsey. »Und er wird nicht mehr lange hier herumstreichen, so viel verspreche ich dir. Jetzt gehe ich nach unten und schaue nach, ob ich den Typen auftreiben kann.«
Er war schon an der Tür, als Emma seinen Namen rief. Er wandte sich ihr zu. »Was ist, Emma?«
»Danke, dass du mir glaubst.«
Er lächelte. »Wenn er immer noch dort draußen ist, fangen wir ihn ein.«
Sie machte nicht den Eindruck, als ob sie ihm das abnehmen konnte. Und er glaubte auch nicht so recht daran, denn er ging davon aus, dass sie ihn tatsächlich in einem ihrer Alpträume heraufbeschworen hatte. Dennoch würden die Wachposten und er sich noch einmal umsehen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sich jemand auf das Grundstück schleichen konnte, ohne vom Wachpersonal entdeckt zu werden. Es konnte jedoch nicht schaden, noch einmal nachzusehen, mit den Wachposten zu sprechen und sicherzustellen, dass sie besonders aufmerksam waren.
Emma nuckelte an ihrem Daumen und hatte einen Schluckauf. »Ich komme jetzt mit ins Bett, Emma, dann können wir Löffelchen spielen. Wir können uns ganz dicht aneinander kuscheln.«
»Kommt Ramsey auch?«
Er zögerte kein bisschen. »Natürlich, Emma. Weißt du, du legst dich schon mal mit deiner Mama hin, und ich komme bald nach. Ich werde euch beide umarmen, bis ihr einschlaft. Jetzt aber sehe ich mich nach dem Mann um.«
Sie saugte noch heftiger an ihren Finger, dann zog sie ihn aus dem Mund und flüsterte: »Sei bitte vorsichtig, Ramsey. Er ist ein ganz böser Mann. Er raucht sogar.«
»Ich bin bald wieder da, Emma. Und ich werde umsichtig wie ein Richter sein.«
Sie nuckelte jetzt langsamer, zog die Nase hoch und schluckte. »Das war schon richtig witzig, Ramsey.«
Miles klopfte zaghaft an die Schlafzimmertür, dann öffnete er sie leise. Emma lag an
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