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Virus (German Edition)

Virus (German Edition)

Titel: Virus (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Kristian Isringhaus
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ihm dieses Schicksal erspart bleiben würde. Nicht einmal fernsehen konnte
er mehr. Ans Bett gebunden zu sein, war nicht das letzte Kapitel, wie er es
schreiben würde.
    Hoffentlich kommen sie
mich holen, bevor das passiert! flehte er wieder und wieder, Tag für Tag. Er war
bereit, zu gehen. Mit allem und jedem auf dieser Erde hatte er seinen Frieden
geschlossen. Auch hatte er eine Verfügung verfasst, dass seine wenigen
Besitztümer nach seinem Tod der Kirche zufallen sollten. Angehörige hatte Eugen
Kaczmarek seit Langem nicht mehr.
    Wie jeden Tag machte er seinen
Spaziergang durch Petersdamm. Es war die einzige Freude, die er noch im Leben
hatte, denn seine Vermutung war, man habe lediglich vergessen, ihn abzuholen.
Wenn er sich nur täglich zeigte, dann würde man sich schon seiner erinnern.
    Seine Blindheit hatte seine
übrigen Sinne geschärft und so bewegte er sich trotz seiner gebrechlichen
Glieder recht sicher durch das Dorf. Er spürte die wärmende Maisonne auf seiner
Haut. Es wäre ein guter Tag, zu gehen.
    Als er den Marktplatz erreichte,
spürte er plötzlich die Anwesenheit eines anderen Menschen, der auf ihn zukam.
Eugen stoppte seinen Schritt.
    War es wirklich ein Mensch? Ein
Wesen kam auf ihn zu, definitiv, doch es wirkte nicht menschlich. Die Aura, die
von ihm ausging, hatte etwas Höheres, etwas Mächtigeres. Ein Lächeln überzog
Eugens Gesicht, ein Ausdruck von so purem Glück, wie nur die Erlösung es
verleihen kann.
    Er spürte das Göttliche und
wusste, dass das Wesen, das nun direkt vor ihm stand, ein Himmelswesen war. Sie
waren gekommen, ihn zu holen. Ohne es bewusst zu steuern, sank er vor dem Engel
auf die Knie. Es war, als habe die Macht Gottes die Kontrolle über sein Tun
übernommen.
    „Endlich”, flüsterte Eugen. Dann
tat sein Herz seinen letzten Schlag und er kippte zur Seite um. Mit einem
dumpfen Klang schlug sein lebloser Körper auf das Kopfsteinpflaster des Petersdammer
Marktplatzes.

84.
    Mark Wolf lehnte an einem Baum in
dem kleinen Wäldchen, das die Camping-Wiese der Globalisierungsgegner nach
Süden hin begrenzte, und rauchte eine Zigarette. Vieles ging ihm durch den Kopf
und er musste einfach mit jemandem darüber reden. Also hatte er seinen Kumpel
Andi angerufen und sich mit ihm verabredet. Wo blieb er bloß?
    Zwei massive Krawalle hatte Mark
in den vergangenen beiden Tagen angezettelt, doch das Gefühl, das Richtige zu
tun, hatte sich nicht bei ihm einstellen wollen. Unzählige Fahrzeuge hatten sie
beschädigt, eines hatte er sogar komplett ausbrennen lassen. Viele Verletzte
hatte es gegeben, viele Festnahmen, viel unnötiges Blut, viele unnötige Tränen.
Wofür kämpfte er eigentlich?
    Jemand schlug ihm auf die Schulter.
Er blickte zur Seite und in das Gesicht seines Freundes. Völlig in seinen
Gedanken verloren hatte er ihn nicht gehört.
    „Alles im Lack?” fragte Andi.
    „Es geht”, erwiderte Mark.
    „Was ist los mit dir?”
    „Ich kann das nicht mehr. Ich
glaube, ich will aussteigen”, sagte Mark mit belegter Stimme. Andi blickte ihn
entgeistert an.
    „Aussteigen? Du kannst nicht
aussteigen, mann! Wir kämpfen hier für das Gute.” Andi rüttelte ihn, als wolle
er ihn aus einer Trance wecken.
    „Vielleicht tun wir das”, sagte
Mark nachdenklich. „Wobei das lediglich unsere Definition von ‚gut’ ist. Ich
bin mir sicher, es gibt auch andere.”
    „Wir tun es, Mark. Wir kämpfen
für das Gute.”
    „Aber selbst wenn wir es tun,
dann heißt das noch lange nicht, dass ich auch die Mittel, mit denen wir kämpfen,
gutheißen muss.” Mark blickte Andi an. „Um ehrlich zu sein: Ich finde die
Mittel zum Kotzen!”
    „Der Zweck…”, setzte Andi an,
doch Mark ließ ihn nicht ausreden.
    „Manchmal, Andi”, fuhr er ihm ins
Wort. „Manchmal heiligt der Zweck die Mittel. Aber nicht immer. In diesem Fall
nicht.”
    Andi legte die Stirn in Falten.
Offenbar wusste er nicht recht, was er erwidern sollte.
    „Hey, mann”, sagte er schließlich
und schlug Mark kumpelhaft auf die Schulter. „Du kannst uns doch nicht im Stich
lassen. Vergiss nicht unseren Ehrenkodex.”
    Mark fand es beachtlich, wie
schnell Andi die Argumente ausgegangen waren. Bereits nach wenigen Sätzen fiel
ihm nichts Besseres mehr ein, als auf den Ehrenkodex zu verweisen?
    „Du weißt doch”, fuhr Andi mit
einem Grinsen fort. „Bei uns steigt man nur durch Tod oder Heirat aus.”
    Mark musste unwillkürlich lachen.
Ja, das war der Ehrenkodex. Doch er war natürlich nicht ernst

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