Virus (German Edition)
voller Lebensfreude, hätte ihnen das Gefühl gegeben, ihr
Pfarrer sei cool, hätte ihnen gezeigt, dass Christlichkeit und Spaß sich nicht
ausschließen. Es war wichtig, eine persönliche Beziehung zu Heranwachsenden
aufzubauen. Er wollte nicht, dass Kinder seine Gottesdienste besuchten, weil
ihre Eltern sie zwangen. Er wollte, dass sie es aus freien Stücken taten.
Ein Schuss wurde abgefälscht und
der Ball landete genau vor Holgers Füßen. Dies war seine Chance. Zum ersten Mal
seit zwei Jahren würde er wieder mit Mitgliedern seiner Gemeinde interagieren.
Ein großer Moment. Er passte den Ball zurück auf das Spielfeld und erkundigte
sich, ob er ein wenig mitspielen dürfe. Er durfte.
Für eine Weile spielte Holger so
mit den Jungen. Er merkte, wie viel Spaß es ihnen bereitete, mit einem
Erwachsenen zu spielen, ihn mit ihren Tricks zu beeindrucken, ihn alt aussehen
zu lassen, und zum ersten Mal seit Natalias Tod hatte er das Gefühl, etwas
Richtiges zu tun.
So flankten, passten und schossen
sie. Holger hatte zunächst den Reißverschluss seiner Sweatshirt-Jacke aufgezogen
und sie schließlich komplett abgelegt. Ein Junge mit dunkelblonden Locken, der
ein Messi-Trikot trug, schloss einen beeindruckenden Sololauf mit einem
wunderschönen Tor ab. Holger gab ihm high-fives.
„Cooles Tor”, sagte er.
Der Junge drehte ihm den Rücken
zu und zeigte mit seinen Daumen auf den Namen auf seinem Trikot.
„Wo Messi draufsteht, ist auch
Messi drin”, sagte er stolz.
Es traf Holger wie ein Blitz.
Plötzlich schien die Welt stillzustehen, er nahm um sich herum nichts mehr
wahr.
Wo Messi draufsteht, ist
auch Messi drin.
So einfach. So simpel. Nomen est
omen. Der Name ist die Vorsehung. Die ganze Zeit über hatte der Mörder ihnen
gesagt, wer er war. Mit seinem Namen. Und Holger war zu blind gewesen, es zu
sehen. Von Anfang an war ihnen der Killer auf der Nase herumgetanzt. Er hatte
sie verarscht.
„Herr Petersen?”
Irgendeine Kinderstimme sagte
seinen Namen, doch sie drang in Holgers Ohr wie aus einer anderen Welt.
„Ist alles klar?”
Langsam glitt Holger in die
Realität zurück. Er durfte keine Zeit mehr verlieren. Gewiss rechnete er mit
dem nächsten Mord erst für die kommende Nacht, doch das basierte schließlich
nur auf einer vagen Vermutung. Er wusste, wer der Killer war, und er musste
handeln.
„Tut mir leid Jungs, ich muss los”,
rief er, griff nach seinem Sweatshirt und rannte los.
82.
Kurzzeitig hatte Milla Herforth
sogar ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, das Rauchen wieder anzufangen. Wieso
eigentlich nicht? Dieser Fall war ohne Nikotin kaum durchzustehen. Doch dann
war endlich der Anruf gekommen, man habe Pascal Hausmann gefasst, er habe sich
widerstandslos festnehmen lassen. Und plötzlich waren auch ohne Zigarette
Hoffnung und Motivation zurückgekehrt.
Es hatte noch eine Weile
gedauert, bis sie ihn verhören konnte, denn auch Hausmann musste durch die
routinemäßige Aufnahmeprozedur, die jeder Verdächtige über sich ergehen lassen
musste.
Doch nun saß der junge Autonome
ihr im Verhörraum der Polizeidirektion an dem quadratischen Holztisch gegenüber
und wischte mit einem Papierhandtuch die schwarze Farbe von seinen Fingerkuppen.
Herforth musterte ihn. Sein jugendlicher Gesichtsausdruck passte so gar nicht
zu dem Monster, das sich in den letzten vierundzwanzig Stunden vor ihrem
inneren Auge manifestiert hatte. War dieser Junge in der Lage, bestialisch zu
morden? Andererseits: Könnte man gefährliche Psychopathen an ihrem Gesicht
erkennen, so wäre ihr Job oftmals um Etliches einfacher.
„Mein Name ist Herforth, Herr
Hausmann”, begann sie. „Ich möchte mich gerne ein wenig mit Ihnen unterhalten.”
Hausmann nickte.
„Sie sind über den Grund Ihrer
Festnahme informiert worden?” fragte sie.
Hausmann nickte erneut.
„Möchten Sie zu den Vorwürfen
Stellung beziehen?”
Ein langes Schweigen folgte.
Hausmann grübelte, das Kinn auf die Brust gesenkt, die ohnehin schmächtigen
Schultern zusammengezogen, die Hände im Schoß. Das konnte nur bedeuten, dass er
auf jeden Fall etwas zu sagen hatte. Wäre er völlig frei von Schuld gewesen,
hätte es nichts zu überlegen gegeben. Er hätte einfach erklären können, er sei
unschuldig. Herforth beschloss, ihn nicht zu drängen. Noch nicht. Sie würde ihm
Zeit geben. Wenn er sich dann entschied, nicht zu antworten, konnte sie immer
noch Druck machen.
Schließlich, nach fast fünf
Minuten verschwiegenen Grübelns, hob er langsam
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