Wallander 08 - Die Brandmauer
ihm.
»Keiner hat mich identifiziert«, sagte Modin, nachdem er ein paar verwickelte Manöver durchgeführt hatte.
|373| »Woran kannst du das sehen?«
»Ich sehe es einfach.«
Wallander machte es sich auf dem Klappstuhl bequem. Es war wie bei einer Jagd, dachte er. Wir jagen elektronische Elche. Irgendwo sind sie. Nur aus welcher Richtung sie auftauchen, wissen wir nicht.
Sein Handy piepte.
Modin fuhr zusammen. »Ich hasse Handys«, sagte er mit Nachdruck.
Wallander ging ins Treppenhaus. Es war Ann-Britt. Wallander erzählte ihr, wo er sich befand und was Modin bisher aus Falks Rechner herausbekommen hatte.
»Die Weltbank und das Pentagon«, sagte sie. »Zwei der absoluten Machtzentren auf der Welt.«
»Über das Pentagon weiß ich natürlich einiges. Aber was die Weltbank angeht, bin ich nicht so gut informiert. Auch wenn Linda manchmal darüber gesprochen hat. Sehr negativ übrigens.«
»Die Bank der Banken. Die Kredite vor allem an die armen Länder in der Dritten Welt vergibt. Aber die auch andere Volkswirtschaften über Wasser hält. Sie wird viel kritisiert. Nicht zuletzt deshalb, weil sie von den Kreditnehmern oft Unmögliches verlangt.«
»Woher weißt du das alles?«
»Mein früherer Mann bekam so einiges mit von der Bank, wenn er auf seinen Reisen war. Und er hat mir davon erzählt.«
»Wir wissen noch immer nicht, was das Ganze bedeutet«, sagte Wallander. »Aber warum rufst du an?«
»Ich hatte doch vor, noch einmal mit diesem Ryss zu sprechen. Schließlich war er es, der uns auf die Spur von Jonas Landahl gebracht hat. Ich tendiere außerdem mehr und mehr zu der Ansicht, daß Eva Persson tatsächlich sehr wenig von Sonja Hökberg wußte, die sie offensichtlich sehr bewundert hat. Daß sie lügt, wissen wir ja. Aber vermutlich sagt sie auch in vielerlei Hinsicht die Wahrheit.«
»Und was hat er gesagt? Hieß er nicht Kalle mit Vornamen?«
»Kalle Ryss. Ich fragte ihn, warum er und Sonja Hökberg Schluß gemacht hätten. Die Frage kam wohl ziemlich unerwartet. |374| Ich merkte, daß er versuchte, sich um eine Antwort zu drücken. Aber ich ließ nicht locker. Und da kam etwas Bemerkenswertes ans Licht. Er hatte mit ihr Schluß gemacht, weil sie nie Lust hatte.«
»Worauf nie Lust hatte?«
»Na, was glaubst du? Auf Sex natürlich.«
»Hat er das wirklich gesagt?«
»Als er erst einmal angefangen hatte, kam alles auf einmal. Er hatte sie kennengelernt und sofort gemocht. Aber es zeigte sich in der Folgezeit, daß sie an einer sexuellen Beziehung vollkommen uninteressiert war. Und schließlich hat er es aufgegeben. Aber das Interessante ist natürlich die Ursache.«
»Und die war?«
»Sie hat ihm erzählt, sie sei vor ein paar Jahren vergewaltigt worden. Und an den Folgen leide sie noch immer.«
»Und ist Sonja Hökberg vergewaltigt worden?«
»Ihm zufolge ja. Ich habe in den Registern nachgesehen. Alte Ermittlungen. Aber es gibt keinen Fall, in dem Sonja Hökberg erscheint.«
»Und es soll hier in Ystad gewesen sein?«
»Ja. Aber natürlich fiel mir sofort etwas ganz anderes ein.«
Wallander wußte, was sie meinte. »Lundbergs Sohn? Carl-Einar?«
»Genau. Es ist natürlich eine riskante Vermutung. Aber ganz unwahrscheinlich ist es auch wieder nicht.«
»Und was siehst du vor dir?«
»Ich denke folgendes: Carl-Einar Lundberg war wirklich wegen Vergewaltigung vor Gericht. Er wird freigesprochen. Sehr viel spricht jedoch dafür, daß er es trotzdem war. Nichts hindert uns anzunehmen, daß er früher schon einmal das gleiche getan hat. Nur ist Sonja Hökberg nicht zur Polizei gegangen.«
»Warum nicht?«
»Es gibt viele Gründe, warum Frauen keine Anzeige erstatten, wenn sie vergewaltigt worden sind. Das sollte dir doch bekannt sein.«
»Du hast also eine Schlußfolgerung gezogen?«
»Eine provisorische.«
»Aber ich will sie auf jeden Fall hören.«
|375| »Jetzt wird es schwierig. Es klingt alles so weit hergeholt, das gebe ich gern zu. Aber Carl-Einar war schließlich Lundbergs Sohn.«
»Sie hätte sich also an dem Vater ihres Vergewaltigers gerächt?«
»Das gibt uns immerhin ein Motiv. Außerdem wissen wir noch etwas über Sonja Hökberg.«
»Und das wäre?«
»Daß sie sehr hartnäckig war. Nach dem, was du erzählt hast, hat ihr Stiefvater genau das gemeint. Daß sie stark war.«
»Trotzdem fällt es mir schwer, deinen Gedanken nachzuvollziehen. Die Mädchen konnten ja nicht wissen, daß ausgerechnet Lundberg das Taxi fahren würde. Und woher wußte Sonja, daß er
Weitere Kostenlose Bücher