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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Titel: Wanderungen durch die Mark Brandenburg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Theodor Fontane
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Ausspruch der Gerichte sowohl wie die öffentli-
    che Meinung für sich hatte, so suchte er doch seit-
    dem die Reizbarkeit und den Jähzorn seines Charak-
    ters strenger zu bewachen.
    Das Kriegsleben war etwas, wie es zu Marwitz' in-nerstem Wesen stimmte, aber das Garnisonsleben
    war wenig nach seinem Sinn. Alsbald fehlten die An-
    regungen, ohne die er, wenn der Krieg nicht seine
    Würfel warf, nicht leben konnte. Wie viele Leute gab
    es in Olmütz und Prag, die ihm ein Gespräch mit Jo-
    hann von Müller, mit Niebuhr oder mit Rahel Levin
    hätten ersetzen können! Während des Waffenstill-
    standes, solange die Wiederaufnahme des Krieges
    noch eine Möglichkeit war, beschäftigten ihn militäri-
    sche Gedanken, an deren Ausarbeitung er mit einer
    Raschheit und einem Scharfsinn ging, als habe ir-
    gendein Hauptquartier ihn großgezogen und nicht
    der Hörsaal oder der Salon. Er entwarf unter ande-
    rem ein Exposé, wie, bei Wiedereröffnung des Kamp-
    fes, die österreichische Armee zu operieren habe.
    Eine umfangreiche Arbeit. Über den strategischen
    Wert derselben schweig ich, sie entzieht sich der
    Kritik eines Laien, aber die Klarheit der Darstellung
    ist bewundernswert und fast mehr noch die kühne
    Selbständigkeit, die ihm die Idee eingab, durch eine
    weit ausholende Flankenbewegung der Napoleoni-
    schen Armee den Rücken abzugewinnen . Er drückte dies in folgenden Worten aus: »Eine veränderte
    Frontstellung muß unser strategisches Prinzip sein; 1225
    Front gegen Osten oder Nordosten – so müssen wir
    den Angriff erwarten.«
    Aber der Waffenstillstand führte zum Frieden, und
    mit dem Frieden schwand ihm, ganz abgesehen von
    jener Aufregung, die ihm Bedürfnis war, auch jene
    aufs Ganze und Große gerichtete Tätigkeit, deren er
    bedurfte. Das Einerlei des Dienstes fing an, ihn zu
    drücken. Eine Korrespondenz, darunter auch der
    Austausch einiger Briefe mit Rahel, war kein Ersatz
    für so vieles andere, was fehlte, und so nahm er
    denn den Abschied. Im Herbst 1810 war er wieder in
    Berlin.
    Das alte Leben, das ihm so teuer war, nahm hier
    aufs neue seinen Anfang. Die Bücher, die Studien,
    der gesellige Verkehr, die Plauderei, die Friktion der
    Geister, das Blitzen der Gedanken – er hing an die-
    ser Art der Existenz, und doch, wenn er sie hatte,
    genügte sie ihm nicht . Er kam zu keinem Glück, wenigstens damals nicht. Das Gegenwärtige immer
    klein findend, von der Zukunft und sich selbst das
    Höchste wollend, rang er einer Traumwelt nach und
    verlor die wirkliche Welt unter den Füßen. Er gehörte
    so recht zu denen, die den Genuß nicht genießen,
    weil sie selbst im Besitz des Höchsten und Liebsten
    die Vorstellung nicht aufgeben mögen, daß es noch
    ein Höheres und Lieberes gibt.
    In diesem Sinne schreibt Rahel zu Anfang des Jah-
    res 1811. »Und wie treiben's unsere Besten? Ruhm
    wollen sie, wollen zehren, ohne beizutragen, und –
    nichts kriegen sie. Besseres noch, so denken sie, 1226
    werden sie finden, und – nichts finden sie. Statt ihren wahren Freunden selbst Freund zu sein, statt
    ihnen etwas zu leisten und sich des Glückes zu freu-
    en, das sie durch Opfer und Guttat geschaffen, ver-
    geuden sie ihre beste Kraft in der Beschäftigung mit
    ihren Plänen, im Kampf mit Phantomen. Marwitz hab
    ich dies noch nie gesagt, weil ich ihn zu sehr liebe und es zu persönlich würde .«
    So klagte Rahel über ihren »liebsten Freund« in einer
    Zeit, wo täglicher Verkehr und rückhaltloses Vertrau-
    en ihr die beste Gelegenheit gab, einen Einblick in
    die Vorgänge seines Herzens zu gewinnen.
    »Er war des Lebens früh überdrüssig und durchaus
    ermüdet vom täglichen Einerlei, wenn das Gewaltigs-
    te sich nicht von Tage zu Tage jagte.« So beschreibt
    ihn sein älterer Bruder. Er war ruhelos, unbefriedigt,
    unglücklich. Aber wir würden ihm Unrecht tun, wenn
    wir dieses Unbefriedigtsein, diesen Lebensüberdruß,
    Erscheinungen, die mitunter an die krankhaften
    Stimmungen Heinrich von Kleists erinnern, aus-
    schließlich auf Rechnung eines überreizten Gemütes
    setzen wollten. Er war allerdings unstet und ruhelos,
    weil er einem »Phantom« nachjagte, das sich nicht
    erreichen und erringen ließ, aber er litt auch in aller Wahrheit und Wirklichkeit unter der Wucht schwerer
    Schläge. Wenn sich eigene Schuld mit einmischte,
    um so schlimmer. Er hatte ein Recht, ernster drein-
    zuschauen als mancher andere. Die Schmach des
    Vaterlandes, die Eisenhand des Unterdrückers, das
    alles

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