Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Titel: Wanderungen durch die Mark Brandenburg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Theodor Fontane
Vom Netzwerk:
waren sehr wirkliche Dinge, die damals man-
    ches Herz mit Schwermut oder Fanatismus erfüllten.

    1227
    Vor Marwitz aber stand noch ein anderes : sein
    Traum brachte ihm die Gestalt des polternden, zorn-
    roten und dann so still und blaß gewordenen Wirts,
    und wenn die Gestalt verschwand, so zog an ihrer
    Statt das Bild einer schönen Frau herauf, zu der er
    sich mit glühender, immer wachsender Leidenschaft
    hingezogen fühlte. Der Tag ist noch nicht da, über
    dieses Verhältnis ausführlicher zu sprechen; viel-
    leicht wird die Pietät gegen einen unserer gefeierts-
    ten Namen es für immer verbieten. Zorn und Liebe,
    Gewissensangst und Leidenschaft rangen auf und ab
    in Marwitzens Herzen, und es hätte des heißen Ver-
    langens nach Ruhm und Auszeichnung, nach einem
    unbestimmten Höchsten nicht bedurft um jene Rast-
    losigkeit zu schaffen, die zugleich ein Verlangen nach
    Ruhe war.
    Im Mai 1811 ging Marwitz auf kurze Zeit nach Frie-
    dersdorf. Die Veranlassung dazu war nicht angetan,
    ihm die Heiterkeit zurückzugeben, deren er so sehr
    bedurfte. Das Eintreten des älteren Bruders für das
    ständische Recht hatte zu seiner Verurteilung ge-
    führt, und während er nach Spandau ging, um da-
    selbst seine Haft anzutreten, trat der jüngere Bruder
    für ihn ein, um, wie fünf Jahre früher, die Verwaltung
    des Guts zu übernehmen. Dieser nur kurze Aufent-
    halt in Friedersdorf scheint eine Krisis für ihn gewe-
    sen zu sein. Während ihn die zwischen ihm und der
    Rahel in dieser Zeit gewechselten Briefe zunächst
    noch auf einem Höhepunkte der Schwermut und Rat-
    losigkeit zeigen, klärt sich gegen das Ende hin alles
    auf. Das Gewitter scheint vorüber, und wir blicken
    wieder in klaren Himmel. Einzelne Briefbruchstücke

    1228
    aus jener Zeit mögen diesen Übergang vom Trübsinn
    bis zur neu erwachenden Hoffnung zeigen.

    1. Schon im Sommer 1808 (also wahrscheinlich
    noch in Memel) war ihm ein ähnlicher Antrag
    geworden. Er hatte ihn aber mit dem Bemer-
    ken abgelehnt, daß er zuvor mehr sehen und
    lernen wolle. Nur in Zeiten wie die damaligen,
    wo nichts so niedrig stand als das Ancienni-
    tätsprinzip, waren solche Dinge möglich.

    2. Anton Eberhard Konstantin von der Marwitz
    ward am 2. September 1790 zu Berlin gebo-
    ren. Er befand sich als Schüler, kaum sech-
    zehn Jahre alt, in der École militaire, als die
    Franzosen ihren Einzug in Berlin hielten. Der
    Gouverneur der Anstalt schoß sich tot, der Vi-
    zegouverneur verlor den Kopf und überant-
    wortete sich und seine Anstalt der Gnade der
    Sieger. Diese schwankten, wie sie sich den
    halberwachsenen Schülern dieses Militärinsti-
    tuts gegenüber verhalten sollten, zogen aber
    schließlich das Sichere vor und machten sie
    zu Gefangenen. Unter diesen war auch Eber-
    hard von der Marwitz. Er und ein befreunde-
    ter Mitschüler verabredeten Flucht und bra-
    chen zusammen auf. Vorher schon hatten sie
    sich ein Pferd zu verschaffen gewußt und pas-
    sierten glücklich das Tor. Ohne alle Rast setz-
    ten sie ihren Weg fort, immer abwechselnd
    der eine zu Fuß, der andere zu Pferde, so daß

    1229
    sie schon nach vierundzwanzig Stunden die
    zwanzig Meilen bis Lenzen an der Elbe und
    über die mecklenburgische Grenze zurückge-
    legt hatten. Nach kurzem Aufenthalt wander-
    ten sie weiter ins Holsteinsche. Erst hier wa-
    ren sie in Sicherheit, aber das Pferd auch so
    ruiniert daß sie es verschenken und beide zu
    Fuß gehen mußten. In Kiel fanden sie ein Fi-
    scherboot, vertrauten sich in demselben dem
    Meere an und trafen, sechs Tage nachdem sie
    Berlin verlassen hatten, auf der Insel Rügen
    ein, wo der ältere Bruder eben sein »Frei-
    corps« errichtete. Bei der bald erfolgenden
    Auflösung dieses Corps ging Eberhard von der
    Marwitz nach Österreich und trat als Cornet in
    das Chevau-légers-Regiment Klenau. Bei Re-
    gensburg (am 20. April) zeichnete er sich aus,
    bis der mörderische Tag von Aspern seiner so
    früh und so brav begonnenen Laufbahn ein
    Ziel setzte. Er erhielt an diesem denkwürdi-
    gen Tage gleich zu Beginne der Schlacht den
    Auftrag, mit einer Abteilung von zwanzig Rei-
    tern an das vom Feinde besetzte Dorf Aspern
    heranzujagen. Er gehorchte und machte die
    Attacke. Vierzig Schritte vor dem Dorfe traf
    ihn eine Kanonenkugel, tötete sein Pferd und
    verwundete ihn schwer am rechten Ober-
    schenkel. Dieser Verwundung erlag er am
    9. Oktober; am 10. ward er beerdigt. Eine
    Compagnie des 30. französischen Infanterie-
    regiments gab bei

Weitere Kostenlose Bücher