Wanderungen durch die Mark Brandenburg
waren sehr wirkliche Dinge, die damals man-
ches Herz mit Schwermut oder Fanatismus erfüllten.
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Vor Marwitz aber stand noch ein anderes : sein
Traum brachte ihm die Gestalt des polternden, zorn-
roten und dann so still und blaß gewordenen Wirts,
und wenn die Gestalt verschwand, so zog an ihrer
Statt das Bild einer schönen Frau herauf, zu der er
sich mit glühender, immer wachsender Leidenschaft
hingezogen fühlte. Der Tag ist noch nicht da, über
dieses Verhältnis ausführlicher zu sprechen; viel-
leicht wird die Pietät gegen einen unserer gefeierts-
ten Namen es für immer verbieten. Zorn und Liebe,
Gewissensangst und Leidenschaft rangen auf und ab
in Marwitzens Herzen, und es hätte des heißen Ver-
langens nach Ruhm und Auszeichnung, nach einem
unbestimmten Höchsten nicht bedurft um jene Rast-
losigkeit zu schaffen, die zugleich ein Verlangen nach
Ruhe war.
Im Mai 1811 ging Marwitz auf kurze Zeit nach Frie-
dersdorf. Die Veranlassung dazu war nicht angetan,
ihm die Heiterkeit zurückzugeben, deren er so sehr
bedurfte. Das Eintreten des älteren Bruders für das
ständische Recht hatte zu seiner Verurteilung ge-
führt, und während er nach Spandau ging, um da-
selbst seine Haft anzutreten, trat der jüngere Bruder
für ihn ein, um, wie fünf Jahre früher, die Verwaltung
des Guts zu übernehmen. Dieser nur kurze Aufent-
halt in Friedersdorf scheint eine Krisis für ihn gewe-
sen zu sein. Während ihn die zwischen ihm und der
Rahel in dieser Zeit gewechselten Briefe zunächst
noch auf einem Höhepunkte der Schwermut und Rat-
losigkeit zeigen, klärt sich gegen das Ende hin alles
auf. Das Gewitter scheint vorüber, und wir blicken
wieder in klaren Himmel. Einzelne Briefbruchstücke
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aus jener Zeit mögen diesen Übergang vom Trübsinn
bis zur neu erwachenden Hoffnung zeigen.
1. Schon im Sommer 1808 (also wahrscheinlich
noch in Memel) war ihm ein ähnlicher Antrag
geworden. Er hatte ihn aber mit dem Bemer-
ken abgelehnt, daß er zuvor mehr sehen und
lernen wolle. Nur in Zeiten wie die damaligen,
wo nichts so niedrig stand als das Ancienni-
tätsprinzip, waren solche Dinge möglich.
2. Anton Eberhard Konstantin von der Marwitz
ward am 2. September 1790 zu Berlin gebo-
ren. Er befand sich als Schüler, kaum sech-
zehn Jahre alt, in der École militaire, als die
Franzosen ihren Einzug in Berlin hielten. Der
Gouverneur der Anstalt schoß sich tot, der Vi-
zegouverneur verlor den Kopf und überant-
wortete sich und seine Anstalt der Gnade der
Sieger. Diese schwankten, wie sie sich den
halberwachsenen Schülern dieses Militärinsti-
tuts gegenüber verhalten sollten, zogen aber
schließlich das Sichere vor und machten sie
zu Gefangenen. Unter diesen war auch Eber-
hard von der Marwitz. Er und ein befreunde-
ter Mitschüler verabredeten Flucht und bra-
chen zusammen auf. Vorher schon hatten sie
sich ein Pferd zu verschaffen gewußt und pas-
sierten glücklich das Tor. Ohne alle Rast setz-
ten sie ihren Weg fort, immer abwechselnd
der eine zu Fuß, der andere zu Pferde, so daß
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sie schon nach vierundzwanzig Stunden die
zwanzig Meilen bis Lenzen an der Elbe und
über die mecklenburgische Grenze zurückge-
legt hatten. Nach kurzem Aufenthalt wander-
ten sie weiter ins Holsteinsche. Erst hier wa-
ren sie in Sicherheit, aber das Pferd auch so
ruiniert daß sie es verschenken und beide zu
Fuß gehen mußten. In Kiel fanden sie ein Fi-
scherboot, vertrauten sich in demselben dem
Meere an und trafen, sechs Tage nachdem sie
Berlin verlassen hatten, auf der Insel Rügen
ein, wo der ältere Bruder eben sein »Frei-
corps« errichtete. Bei der bald erfolgenden
Auflösung dieses Corps ging Eberhard von der
Marwitz nach Österreich und trat als Cornet in
das Chevau-légers-Regiment Klenau. Bei Re-
gensburg (am 20. April) zeichnete er sich aus,
bis der mörderische Tag von Aspern seiner so
früh und so brav begonnenen Laufbahn ein
Ziel setzte. Er erhielt an diesem denkwürdi-
gen Tage gleich zu Beginne der Schlacht den
Auftrag, mit einer Abteilung von zwanzig Rei-
tern an das vom Feinde besetzte Dorf Aspern
heranzujagen. Er gehorchte und machte die
Attacke. Vierzig Schritte vor dem Dorfe traf
ihn eine Kanonenkugel, tötete sein Pferd und
verwundete ihn schwer am rechten Ober-
schenkel. Dieser Verwundung erlag er am
9. Oktober; am 10. ward er beerdigt. Eine
Compagnie des 30. französischen Infanterie-
regiments gab bei
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