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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Titel: Wanderungen durch die Mark Brandenburg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Theodor Fontane
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eine
    neue Seite seines Charakters kennen. Die Beschäfti-
    gung mit den Wissenschaften, weit entfernt davon,
    ihm »die Blässe des Gedankens anzukränkeln« oder
    das innere Feuer, das nach Taten dürstete, zu dämp-
    fen, hatte seine ganze, leidenschaftlich angelegte
    Natur nur noch glühender und leidenschaftlicher ge-
    macht. Gegen Überlegenheit des Geistes und Cha-
    rakters, wo er sie fand, verhielt er sich wie ein jun-
    ger Königstiger, der ruhig wird in der Nähe des Lö-
    wen. Aber freilich, er fand diese Überlegenheit sel-
    ten.
    Sein auflodernder Zorn war es, der ihn, während
    seiner Gutsverwaltung, zu einer raschen Tat hinge-
    rissen hatte, die den Stempel der Ungerechtigkeit
    breit an der Stirne trug. Eine durch Nachbarn ihm
    zugefügte Unbill hatte er in einer Weise zu rächen
    gesucht, die von den damals die Landesobrigkeit
    bildenden Franzosen als ein Mißbrauch der Gewalt
    gestraft werden mußte. Er wurde nachts durch fran-
    zösische Gensdarmen vom Gute fortgeholt und in

    1219
    Fesseln nach Küstrin abgeführt. Man hielt ihn schon
    für verloren; doch wurde die Sache durch vielfach
    tätige Verwendungen schließlich auf gütlichem Wege
    beigelegt. Die Details über diesen Vorgang fehlen.
    Ende Oktober 1807 traf der ältere Bruder wieder in
    Friedersdorf ein. Der Tilsiter Friede hatte zur Ent-
    waffnung so vieler Regimenter geführt und natürlich
    auch zur Entlassung jenes Truppenteils, der unter
    dem Namen des »Marwitzschen Freicorps« in Preu-
    ßen und Pommern gebildet worden war. Der jüngere
    Bruder verließ nun das Gut wieder und ging nach
    Memel, wo sich damals der preußische Hof befand.
    Empfehlungsbriefe führten ihn bei dem Minister Stein
    ein, Niebuhr schenkte ihm Aufmerksamkeit und Inte-
    resse, und sein überaus gewinnendes Wesen, das ihn
    überall, wo er sich sympathisch berührt und geistig
    heimisch fühlte, die Herzen wie durch einen Zauber
    erobern ließ, bewährte sich auch hier. Äußerliche
    Mittel unterstützten seine Erfolge. Er war groß und
    schlank, mit feinem jugendlichen Gesicht und die
    schönen dunkeln Augen voll Leben und Ausdruck.
    Wie auf Schule und Universität, so herrschte er als-
    bald auch hier, wo die Männer des »Tugendbundes«
    ihn in ihre Mitte zogen. Er belächelte vieles, was er
    geschehen sah, der gemeinschaftliche Franzosenhaß
    aber und noch mehr vielleicht der Umstand, daß es
    gescheite Leute waren, mit denen er eine Stunde
    geistvoll plaudern und Anregung zu neuen Studien
    mit heimnehmen konnte, ließ ihn die Kluft absichtlich übersehen, die zwischen ihm und ihnen lag.

    1220
    1. Es heißt über ihren Sohn im Schulprogramm
    (1804) des Grauen Klosters: »Staël-Holstein
    aus Paris empfahl sich die kurze Zeit daß er
    die erste Klasse des Gymnasiums besuchte,
    durch ein gesittetes Betragen und einen lo-
    benswerten Fleiß. Der unerwartete Tod seines
    Großvaters, des ehemaligen Finanzministers
    Necker, veranlaßte seine Mutter zur eiligen
    Abreise in die Schweiz, der er folgte.« – Die-
    sem Schulprogramm entnehme ich auch eine
    Notiz über die Dichtungen , die Michaelis 1804
    und 1806 bei Gelegenheit der öffentlichen
    Prüfung von den Schülern der Oberklassen
    deklamiert wurden. Es waren: 1. Monolog des
    Brutus aus der Voltaireschen Tragödie »Cä-
    sar«; 2. »Elegie an Rosalie«, von Tiedge;
    3. »Der Führer«, ein Gedicht von Luise
    Brachmann; 4. »Arion«, von A. W. von Schle-
    gel; 5. »Kassandra«, von Schiller; 6. »Der
    Taucher«, von Schiller; 7. »Die Macht des Ge-
    sanges«, von Schiller; 8. »Hero und Lean-
    der«, von Schiller; 9. »Schillers Tod«, eine E-
    legie.

    Es scheint, daß er bis Weihnachten 1808 in Memel
    blieb und dann nach Berlin zurückkehrte. Sein Um-
    gang hier gestaltete sich im Einklang mit den Be-
    kanntschaften, die er in Memel und Königsberg an-
    geknüpft hatte, zugleich aber wandte er sich mit
    verdoppeltem Eifer seinen Büchern zu. Politik wurde
    gelesen, und die staatsökonomischen Sätze Adam

    1221
    Smiths, dessen berühmtes Buch vom »Reichtum der
    Nationen« auch das Geheimmittel enthalten sollte,
    wie dem ruinierten preußischen Staate wieder aufzu-
    helfen sei, wurde der Gegenstand der eingehendsten
    Studien und Debatten. Schon damals verhielt er sich
    mehr kritisch als bewundernd gegen das Buch, das
    die Hardenbergsche Schule zur Panazee für alle Übel
    stempeln wollte, und wurde nicht müde, auf den Un-
    terschied zwischen einem reichen und freien England
    und einem armen und unterjochten

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