Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Unpartei-
lichkeit geschildert, denen wir in der Gesamtheit sei-
ner historischen Aufzeichnungen begegnen.
1. Es ist dies derselbe Skrzynecki, der 1831 als
polnischer Generalissimus berühmt geworden
ist.
1250
Jenseits der Oder
Küstrin
Die Wasser grau und schwer,
Und Wolken drüber her,
Und über den Mauern
Liegt es wie Trauern.
Jenseits der Oder, wo zwischen Werft und Weiden
die Warthe rechtwinkelig einmündet, liegt Küstrin,
ein durch die Jahrhunderte hin in den Geschichten
unseres Landes oft genannter Name. Oft, aber selten
freudig. Etwas Finster-Unheimliches ist um ihn her,
und in meiner Erinnerung seh ich den Ort, der ihn
trägt, unter einem ewigen Novemberhimmel.
Über die Bedeutung des Namens fabeln die Chronis-
ten in gelehrten Streitigkeiten; ich meinerseits be-
gnüge mich mit dem Tatsächlichen, daß Küstrin um
die Wende des Jahrtausends ein slawisches Fischer-
dorf, um 1200 ein oppidum oder Flecken und
um 1300 eine civitas oder Stadt war. 1317 wird es
zuerst als solche genannt. Ist dies sein Geburtsjahr
als Stadt, so war es in eine schwere Zeit hineingebo-
ren. Wenig später (1319) trat mit Markgraf Walde-
mar das askanische Haus vom Schauplatz ab, und
jenes bayerisch-luxemburgische Interregnum folgte,
das gerade lange genug währte, die bis dahin blü-
hende Mark in eine Wüste zu verwandeln. Von dem
allgemeinen Elend ward auch Küstrin betroffen, und
1251
die Blätter seiner Chronik erzählen ausgiebig von
Ereignissen, wie sie damals in allen märkischen
Städten, groß oder klein, so ziemlich dieselben wa-
ren: Fehden unter- und gegeneinander, Fehden mit
den Pommern und Polen, Fehden mit Adel und Bi-
schöfen und dazwischen Überschwemmungen und
Feuersbrünste, Mißernten und schwarzer Tod. Jedes
Blatt ein Klageschrei. Und doch verklingt er an unse-
rem Ohr, weil der statistisch-trockenen Aufzählung
aller dieser Notstände die menschlich-erschütternden
Züge fehlen. Und nur sie haben Wert, nur sie stimmen uns zu Lust oder Schmerz, und der scherzhaft
zugespitzte Satz: »daß ein rauhes Wort Reinharts an
Lorle uns mehr rühre als der Untergang einer Dynas-
tie«, birgt einen Kern ernster und tiefer Wahrheit.
Schreckensvoll und doch inhaltsleer verging unseren
Marken das vierzehnte Jahrhundert.
Das ihm folgende fünfzehnte schien endlich eine
Wandelung zum Bessern bringen zu sollen: die
Nürnberger Burggrafen kamen ins Land. Aber die
Wandlung, die mit ihnen kam, reichte nur bis an die
Oder, und alles, was »drüben« lag: die Neumark und
das mit ihr dem Deutschen Ritterorden zugefallene
Küstriner Land, hatte noch lange hin auf die Segnun-
gen eines starken und wohlwollenden Regiments zu
warten.
Erst als um die Mitte des Jahrhunderts Kurfürst
Friedrich Eisenzahn alles jenseits der Oder gelegene Land für sich und seine Kurmark rückerwarb, zogen
auch für diese Landesteile glücklichere Zeiten herauf, 1252
Zeiten, die nach abermals achtzig Jahren in
» Küstrins Glanzperiode « gipfelten.
Das war unter Markgraf Hans.
Unter Markgraf Hans
(1535–1571)
Markgraf Hans war der zweite Sohn Joachims I.
(Nestor) und der der Lehre Luthers eifrig zugetanen
Elisabeth von Dänemark. Als Joachim starb, erfolgte
jene Landesteilung, die dem älteren Bruder, Joa-
chim II. (Hektor), die Kurmark, dem jüngeren, Jo-
hann, die Neumark und die lausitzischen Besitzungen
zusicherte.
Johann wurde den 3. August 1513 »zwischen drei
und vier Uhr nachmittags« geboren. So genau diese
Zeitbestimmung ist, so schwankend ist die Ortsan-
gabe. Leuthinger sagt Angermünde, Angelus sagt
Tangermünde, Hänfler sagt Peitz, Rentsch sagt
Küstrin, und Kaspar Sagittarius stimmt dem letzteren
bei. Es darf aber als jetzt feststehend angesehen
werden, daß Markgraf Hans auf Schloß Tangermünde
geboren wurde.
Er war seiner Mutter Liebling, die sich denn auch
eifrig beflissen zeigte, seiner Erziehung, allen gegen-
teiligen Bestrebungen zum Trotz, eine protestanti-
sche Richtung zu geben. Leuthinger erzählt, »daß 1253
sich der Prinz weggeschlichen habe, wenn er mit
seinem Vater in die Messe gehen sollte«, und fügt
hinzu, »daß er der Überfülle von Symbolen und Ze-
remonien in der katholischen Kirche von Jugend auf
abgeneigt gewesen sei«. In Sprachen und Wissen-
schaften, besonders in der Mathematik, empfing er
einen vorzüglichen Unterricht und erwies sich früh
als ein Erbe der väterlichen Wohlredenheit. Um ihn
für seinen
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