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Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Titel: Wanderungen durch die Mark Brandenburg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Theodor Fontane
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meinte und die-
    ser Dienst weder seiner Neigung noch seiner Körper-
    konstitution entsprach, so zerschlugen sich die Un-
    terhandlungen abermals, und er blieb bei den Rus-
    sen.
    Gleich nach dem Waffenstillstand, am 21. oder
    24. August, war er mit Tschernyschew in der Nähe
    von Wittenberg und griff mit den Kosaken ein Carré
    polnischer Infanterie an. Das Pferd wurd ihm unterm
    Leibe erschossen, die Kosaken kehrten um, und ein
    Pole, der aus dem Carré heraustrat, hieb mit seinem
    kurzen Säbel auf ihn ein. Marwitz schützte sich mit
    seinem Arm, so gut er konnte, der ihm denn auch,
    samt der Hand, bei dieser Gelegenheit völlig zer-
    hackt und zerhauen wurde. Endlich trat ein Offizier
    heraus und rettete ihn. Er ward in das Carré ge-
    nommen und so angesichts der Seinigen, da die Ko-
    saken nicht wieder zum Angriff zu bringen waren,
    erst nach Wittenberg, dann nach Leipzig geführt, wo
    er schlecht behandelt, eng eingesperrt und seine
    Wunden vernachlässigt wurden. Ende September
    gelang es ihm, sich unter vielen Gefahren und Aben-
    teuern nach Prag hin zu retten. Hier wurden seine
    Wunden geheilt, aber die Hand blieb steif und un-
    brauchbar.
    In Prag traf er seine Freundin wieder – Rahel. Sie
    selbst hat diesen Moment des Wiedersehens in Brie-
    fen an Varnhagen und ihren Bruder Robert in sehr

    1242
    anschaulicher Weise beschrieben. Ich gebe diese
    Stelle, zugleich die Worte hinzufügend, in denen sie,
    nach Marwitz' eigener Erzählung, die Gefechtsszene
    bei Wittenberg beschreibt: »Gestern führte Tieck
    einen Freiwilligen Jäger, einen Enkel des Staatsrats
    Albrecht (aus Berlin), bei mir ein. Als ich eben mit
    Tieck und dem jungen Jäger verhandle, geht meine
    Tür auf, und – Marwitz steht vor mir. Den Arm in
    einer Binde, ruppig, abgemagert, steht er da, einen
    zerrissenen Bauernkittel an und ein Stück Kom-
    mißbrot in ein grobes Schnupftuch eingewickelt, in
    der linken Hand. Welcher Jubel! Er lebt, ist der alte,
    ist gesund, hat aber acht Wunden. Sein Pferd fiel auf
    ihn und quetschte ihn. Polen fielen über ihn her und
    stießen ihn mit Kolben, wovon ihm der Degen ent-
    sank; ein anderer packte ihn und gab ihm drei Hiebe
    in Hand und Arm, ein dritter einen Lanzenstich, ein
    vierter setzte ihm das Gewehr an den Kopf und
    schoß los, aber der Schuß versagte. Der Oberst der
    Polen sprang vor und rettete ihm das Leben. Gefan-
    gen war er aber und ist nur durch tausend Aventüren
    entkommen, und endlich hier. Er ist einfach, gut
    wahr, still, mild wie immer, ohne alles Vorurteil über
    irgend etwas, was vorgefallen ist.
    Nachschrift. Der polnische Offizier, der Marwitz ge-
    rettet hat, ist der Obristlieutenant Skrzynecki1); er
    bot Marwitz seine Börse an, ein gleiches tat Obrist
    Szymanowsky. Ich schreibe Dir dies, weil der Krieg
    wunderbare Begegnungen schafft und man wissen
    muß, wo man Gutes mit Gutem zu vergelten hat.«

    1243
    Am 15. September war Marwitz in Prag eingetroffen;
    die Heilung seiner Wunden verzögerte sich, und er
    blieb daselbst bis Mitte Dezember. Dieses Vierteljahr,
    das letzte, das ihm zu leben bestimmt war, ging wie
    ein Friedensschein über der Unrast seiner Tage auf.
    Den Frieden, dem er nachgeeilt war, ohne ihn finden
    zu können, hier fand er ihn, und hier durft er ihn finden. Die heilige Sache der Freiheit und des Vaterlandes drang siegreich vor, und ein Blick auf seine
    Wunden, das hohe Gefühl, selbst für diese Freiheit
    gekämpft und geblutet zu haben, gab ihm ein An-
    recht, ohne Vorwurf und mit ungetrübter Freude dem
    Siegeszuge der Verbündeten zu folgen. Die Plauder-
    stunden, in deren stillen Genuß sich sonst vielleicht
    ein Wermutstropfen, das demütigende Gefühl: »du
    solltest woanders sein«, gemischt hätte, er durfte sie
    jetzt ganz und voll genießen, und er genoß sie wirk-
    lich. Die Briefe Rahels aus jener Zeit an Robert, an
    Varnhagen und andere Freunde lassen keinen Zwei-
    fel darüber.
    »Marwitz«, so schreibt sie an Varnhagen, »wohnt mit
    uns in demselben Hause. Die Wirtin nahm ihn gleich
    auf, aus Rahel- und aus Preußenliebe. Er hat es en
    prince und ißt bei uns. Ich und ein Stücker sechs bis
    acht Domestiken warten ihm auf.« – »Du fragst we-
    gen Marwitz. Er hat keinen Orden, aber – Tieck las
    ihm gestern den ›Hamlet‹ vor. Niebuhr, den Tieck
    den Mut hatte für hübsch ausgeben zu wollen, nen-
    nen wir seitdem ›Venus‹, und Marwitz heißt
    schlechtweg der ›Sklave‹. Er rief mir nämlich zu:
    ›Soll ich noch mehr Ihr

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