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Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden

Titel: Wer regiert die Welt? – Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ian Morris
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der Frauen in bezahlten Beschäftigungsverhältnissen und den Hochschulen stetig, und wie jedes Zeitalter vor ihm bekam auch dieses das Denken, das es brauchte. Bücher wie
Der Weiblichkeitswahn oder Die Mystifizierung der Frau
von Betty Friedan und
Sexus und Herrschaft
von Kate Millett drängten Frauen der Mittelklasse, Erfüllung außerhalb ihrer traditionellen Rollen zu suchen. 1968 sprengten etwa 100 Demonstrantinnen die Miss-Amerika-Wahl in Atlantic City. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts beteiligten sich die Männer stärker an der Hausarbeit und Versorgung der Kinder (auch wenn ihre Ehefrauen und Partnerinnen im Allgemeinen immer noch mehr leisteten als sie).
    1958 kamen die Sowjetunion und die USA überein, Leistungsschauen im jeweils anderen Land abzuhalten, waren doch beide zuversichtlich, mit der Stärke ihrer Industrieproduktion den Gegner einschüchtern zu können. Bei der ersten Ausstellung in New York führten die Sowjets Traktoren, Lastwagen und Raketenattrappen ins Feld, um die Kapitalisten zu überzeugen, dass Widerstand zwecklos war. 1959 schlugen die USA mit Bravour zurück und entsandten den damaligen Vizepräsident Richard Nixon nach Moskau, um auf einer Ausstellungsfläche von 15   000 Quadratmetern Haushaltsgeräte vorzustellen, einschließlich der exakten Kopie eines Reihenhausneubaus auf Long Island. Unter den Augen verblüffter Moskowiter gingen Nixon und Nikita Chruschtschow an beiden Seiten einer Westinghouse-Waschmaschine in Kampfstellung.
    »Was immer Frauen die Arbeit erleichtert, ist gut«, eröffnete Nixon die Partie, doch Chruschtschow war vorbereitet. »Sie wollen Ihre Frauen in der Küche halten«, parierte er. »Wir denken nicht so über Frauen. Wir haben eine höhere Meinung von ihnen.« Da mochte etwas dran sein, schließlich arbeiteten in der Sowjetunion mehr Frauen außerhalb des Haushalts als in den USA. Andererseits |522| sollte ein weiteres Jahrzehnt vergehen, bis auch nur die Hälfte der sowjetischen Haushalte eine Waschmaschine besaß. Nachdem sie mit dem Bus von ihrer Fabrikarbeit heimgekommen war, leistete die typische sowjetische Ehefrau zusätzlich 28 Stunden pro Woche Hausarbeit. Nur in einer von acht Wohnungen gab es einen Staubsauger, wenngleich ihn sich die Genossen, allesamt gute Kommunisten, vielleicht teilten.
    Nixon antwortete mit einer Lobrede auf das freie Unternehmertum. »Bei uns wird nicht eine einzelne Entscheidung an der Spitze einer Regierungsbehörde gefällt«, erklärte er. »Wir haben viele verschiedene Hersteller und viele verschiedene Arten von Waschmaschinen, damit die Hausfrauen eine Wahl haben. … Wäre es nicht besser, bei der Leistung von Waschmaschinen zu konkurrieren als bei der Stärke von Raketen? … Wir drängen Ihnen [unseren Lebensstil] nicht auf«, schloss er, »aber Ihre Enkel werden ihn erleben.« 54
    Da hatte Nixon Recht. 1959 bestritt Chruschtschow noch schlicht, dass amerikanische Arbeiter in solchen Häusern lebten, doch spätestens in den 1980er Jahren musste seinen Enkeln klar geworden sein, dass man ihnen etwas vormachte. In gewisser Weise war diese verspätete Einsicht wiederum dem Entwicklungsparadox geschuldet: Die meisten Sowjetbürger besaßen mittlerweile Waschmaschinen und Staubsauger, aber sie hatten auch Radios, Fernsehgeräte und Schallplatten mit Rockmusik vom Schwarzmarkt. So konnten sie selbst sehen, dass die Amerikaner ihnen sogar noch weiter davonzogen.
    Ein Witz begann die Runde zu machen: Ein Zug fährt ehemalige Sowjetführer durch die Steppe und bleibt plötzlich stehen. Wie erwartet, springt Stalin auf und ruft: »Peitscht den Lokführer aus!« Der Lokführer wird ausgepeitscht, aber der Zug bewegt sich nicht weiter. Daraufhin befiehlt Chruschtschow: »Rehabilitiert den Lokführer!« Dies geschieht, doch wieder regt sich nichts. Da lächelt Breschnew und schlägt vor: »Tun wir doch einfach so, als würde der Zug fahren.« 55
    Schlimm genug, dass die Untertanen des Sowjetimperiums, wenn sie ihre Fernseher einschalteten, darin manchmal auch Leute wie mich mit ihren Gitarren und Jeans zu Gesicht bekamen, doch wirklich katastrophal war, dass sie mit ansehen konnten, wie mit der Informationstechnologie als Treibsatz eine ganz neue Phase der industriellen Revolution begann. Und diese Phase verhalf einem Großteil derer, die auf der richtigen Seite des Eisernen Vorhangs lebten, zu noch größerem Wohlstand. Der erste amerikanische Computer, der Electronic Numerical Integrator and Calculator, kurz: ENIAC, war

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